Peter Buchner 1966 – 2025: Erinnerungen an einen außergewöhnlichen Menschen und S-Bahn-Chef


IGEB Berliner Fahrgastverband

22. Dez 2025

Holger Mertens, SIGNAL-Chefredaktion:
Das erste Mal habe ich Peter Buchner im Jahr 2006 getroffen, als er in einer führenden Position bei DB Regio Nordost gearbeitet hatte. Um die neuen Doppelstockwagen zu präsentieren, wurden vom Unternehmen viele Vertreter aus der Branche auf eine Fahrt nach Hamburg eingeladen. Die Bordverpflegung hatte er dabei selbst an die vielen Gäste verteilt – ungewöhnlich für einen Bahn-Manager.

Dann kam die S-Bahn-Krise. Als diese 2009 an ihrem schlimmsten Tiefpunkt angekommen war, sollte Peter Buchner es richten. Nur wenige Wochen nachdem er die Geschäftsführerschaft übernahm, stellte er sich vor allen anderen zuerst den Fahrgästen – auf unserem Sprechtag. Dabei legte er nach so kurzer Zeit ein derart großes Detailwissen der Probleme und dabei aber einen so dermaßen offenen und ehrlichen Umgang damit an den Tag, dass der für die Veranstaltung vorsorglich anberaumte Polizeischutz völlig überflüssig war.

Damit hat er mich und andere nachhaltig beeindruckt und beeinflusst. Die Bereitschaft, sich jedes Problems bis hin zur Flugschneematte anzunehmen, strahlte die letzten 16 Jahre nach außen und tief ins Unternehmen – nachhaltig. Das ist mir vor einiger Zeit bei einem Problem mit dem Ersatzverkehr am S-Bahn-Kundentelefon bewusst geworden: Ehrliche Annahme von Kritik und die Bereitschaft, sich mit den Details zu befassen. Das ist bei den S-Bahnern außergewöhnlich.

Peter Buchner 2023. Foto: Florian Müller

Peter Buchner verstarb am 4. November 2025 im Alter von 58 Jahren. Er war bis zum Schluss 16 Jahre lang Chef der Berliner S-Bahn. Wir haben Wegbegleiter gebeten, uns ihre ganz persönlichen Geschichten zu senden. Eine Auswahl finden Sie hier.

Stefan Jacobs, Redakteur Tagesspiegel:

Juni 2025, ein schöner Sommertag, ein fröhlicher Peter Buchner: Gerade hat uns der vom Chef persönlich beglückwünschte 1000. neu ausgebildete Lokführer ins Werk Schöneweide gefahren. Der Pressetermin ist vorbei, das Fernsehen weg, wir plaudern noch ein wenig über die Reize des Lokführerberufs. Falls es mit dem Journalismus wirtschaftlich irgendwann ganz dramatisch wird, könnte ich mir vorstellen, ebenfalls S-Bahnen zu fahren, erzähle ich Buchner. Woraufhin er mit leuchtenden Augen von den tollen Bedingungen erzählt, die der Tarifvertrag mir dann bieten würde mit seiner Wahl zwischen mehr Geld und mehr Freizeit. Wie viel Geld eigentlich? Peter Buchner ruft jemanden an, der es genau weiß, und versichert mir, dass die S-Bahn auch ältere Quereinsteiger nimmt. Als wir uns verabschieden, fühle ich mich ein beschwingt, als hätte ich gerade ein Bewerbungsgespräch beim sympathischsten nur vorstellbaren Chef absolviert.

Es war meine letzte persönliche Begegnung mit Peter Buchner. Der Gedanke, dass er nicht mehr da ist, tut furchtbar weh.

Alexander Kaczmarek, DB-Konzernbevollmächtigter Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern:

Irgendwann kam ein großer Autokonzern auf die Idee auch auf Berliner S-Bahnhöfen um neue Mitarbeitende zu werben. Überraschenderweise mit der Überschrift „Fahrt mehr Bahn“. Das wurde weiter unten auf dem Plakat dann aufgeklärt: „Pendeln zum neuen Job in Wolfsburg“. Das Foto dieses originellen Anwerbeversuchs schickte ich Peter. Seine Antwort: „Bitte nimm die Relation in i2030 auf, falls der Verkehr so stark wächst!“ Meine Antwort: „… Verlängerung S 9 von Spandau nach Wolfsburg. Da braucht DB Energie 145 Unterwerke … “ Postwendende Antwort von Peter: „Na ja, ist ja flach und in Sachsen-Anhalt müssen wir nicht halten. Dann geht es ab Stendal mit Schwung!“ Wir haben die Verlängerung der S 9 von Spandau nach Wolfsburg übrigens dann doch nicht weiterverfolgt …

Peter Buchner im Berliner S-Bahn Museum. Foto: Peter Haag

Thomas Fülling, langjähriger Verkehrsredakteur der Berliner Morgenpost:

Im November 2011 hatte S-Bahn-Chef Peter Buchner die Berliner Verkehrsjournalisten ins Werk Wannsee eingeladen. Der Anlass war alles andere als erfreulich. Der Winter stand vor der Tür – und der war in den beiden Jahren zuvor für die S-Bahn ein Desaster gewesen. Reihenweise fielen Zugfahrten aus oder verspäteten sich, weil die Züge Eis und Schnee nicht gewachsen waren. Im Gegensatz zu manch anderem Bahn-Manager beschönigte Buchner die Lage nicht: „Kälte ohne Schnee und Schnee ohne Kälte machen der S-Bahn nicht viel aus. Fallen aber beide Wetterlagen in extremer Form zusammen, bekommen wir Probleme“, so damals seine nüchterne Einschätzung. Als einer der Schwachpunkte hatten sich bei der bis heute zahlenmäßig stärksten S-Bahn-Baureihe 481 die Besandungsanlage herauskristallisiert. Ähnlich wie das ABS beim Auto sorgt diese dafür, dass sich die Bremswege auf nassen und rutschigen Schienen nicht gefährlich verlängern. Friert die Anlage jedoch ein, kann kein Bremssand auf die Gleise rieseln. Die Züge der BR 481 durften daraufhin nicht mehr schneller als 60 km/h fahren, mit fatalen Folgen für deren Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Als Lösung präsentierte Peter Buchner in Wannsee eine gemeinsam mit Knorr Bremse entwickelte Heizung für die Besandungsanlage. Ihm war es immer wichtig, nicht mit Allgemeinplätzen, sondern mit konkreter Anschauung zu argumentieren. Und so kletterte er unter einen der abgestellten Züge, um den Journalisten möglichst genau die technische Lösung zu erklären. Auf die Frage, ob er in den nächsten Tagen wieder Adventskalender an die oft frustrierten S-Bahn-Kunden verteilen will, kam von ihm sofort ein klares Ja. „Verstecken macht es ja nicht besser“, sagte er damals. Probleme nicht verheimlichen, sich auch in schwierigen Situationen den Fahrgästen stellen, das war Buchners Credo. Mich erinnert bis heute ein Säckchen mit S-Bahn-Bremssand an diesen legendären Pressetermin.

Jenny Zeller-Grothe, BVG-Vorstand Personal und Soziales:

Peter war für mich einer der Menschen, die man nie vergisst – klar im Denken, warm im Herzen, stark in Krisenzeiten. Während unserer gemeinsamen Zeit bei der S-Bahn durfte ich seine Geduld, seine Entschlossenheit und seine Fähigkeit erleben, andere zu stärken. Er hat Spuren hinterlassen, die weit über die Arbeit hinausreichen. Die Lücke, die er hinterlässt, ist groß, aber die Erinnerung an ihn bleibt lebendig und trägt weiter. Ich bin dankbar für jeden Moment, den wir teilen durften.

Jens Wieseke, ehemaliger Sprecher des Berliner Fahrgastverbands IGEB:

Selbst als langjähriger Pressesprecher macht man Fehler. Und da gab es dann Menschen, die gerade zu beleidigt reagierten, wie man es denn wagen könnte …

Peter war da anders.

Im Sommer 2020 bei einem unserer regelmäßigen Treffen zwischen der Geschäftsführung der S-Bahn und den verkehrspolitischen Verbänden sagte Peter Buchner, dass man jetzt endlich damit beginnen könnte, die Lokführer für die Fahrten zum neuen Flughafen BER zu schulen.

Daraufhin machte ich etwas vorschnell auf Twitter die Meldung, Peter Buchner würde das Eröffnungsdatum des Flughafens kennen. Das konkrete Datum kannte Peter allerdings auch nicht.

2014. Foto: Peter Haag

Statt übel zu nehmen, sagte er in einem Gespräch, es wäre nur anstrengend gewesen, die Journalisten davon zu überzeugen, dass er das genaue Datum auch nicht wissen würde. Er lachte dabei und sagte: Machen Sie das bitte nicht noch einmal. Und das ohne jeden Groll oder Ärger.

Jörg Matzat, Senior Referent Siemens Mobility:

Als ich Peter Buchner zum ersten Mal traf, war ich gerade frisch als Regionsleiter Ost bei Siemens Verkehrstechnik gestartet.

Von seiner großen Leidenschaft für die Berge und die Schweiz hatte ich schon gehört.

Da ich selbst eine große Liebe zu Griechenland habe, kam mir eine Idee: Warum nicht gleich beim ersten Treffen ein kleines Zeichen setzen? Ganz seiner Vorliebe verabredeten wir uns im Biergarten Weihenstephan am S-Bahnhof Lichterfelde. Ich war etwas früher da und dekorierte die Stühle – eines mit einem Handtuch in den Farben der griechischen Flagge, das andere mit dem Schweizer Kreuz. Als Peter ankam, grinste ich und eröffnete das Treffen mit den Worten: „Damit ist klar, wer wo sitzt.“

Peter brach in sein legendäres, langes und herzliches Lachen aus. Ein Lachen, das nicht nur den Biergarten erfüllte, sondern auch sofort alle Distanz verschwinden ließ. In diesem Moment wusste ich: Hier sitzt ein Mensch, der nicht nur Berge liebt, sondern auch das Leben.

Peter wird für mich immer dieser warmherzige, humorvolle Mensch bleiben, der mit einem Lachen Brücken baut. Und genau so möchte ich ihn in Erinnerung behalten.

Sven Heinemann, Verkehrspolitiker der Berliner SPD:

Im Jahr 2014 besuchten Peter Buchner und ich die historische Sammlung der BSW Gruppe Bahnstromanlagen der Berliner S-Bahn am Markgrafendamm am Ostkreuz. Die Vorführung des Quecksilberdampf- Gleichrichters kam uns gar nicht geheuer vor. Wir haben danach an der frischen Luft herzlich gelacht, dass wir trotz der alten Technik nochmal ohne Schaden davongekommen sind.

Nicolas Šustr, Pressesprecher BUND Berlin, Journalist:

Eine Freundin verwechselt gerne U- und S-Bahn. Für Peter Buchner war das Ansporn, historisch herzuleiten, warum es sich um ganz andere Verkehrsmittel handelt. „Wissen Sie, die U-Bahn stammt letztlich von der Kutsche ab, während die Urahnin der S-Bahn die Dampflokomotive ist. Daraus hat sich die Königin der Eisenbahn, die Berliner S-Bahn, entwickelt.“ Freudiges Lachen. Falls sie einen Job suche könne sie sich jederzeit als S-Bahn-Fahrerin bewerben, sagte er gleich im Anschluss.

Hans-Christian Kaiser, ehemaliger U-Bahn-Chef der BVG:

U-Bahn und S-Bahn bilden das Grundgerüst des öffentlichen Verkehrs der Hauptstadt. Beide Stadtschnellbahnen müssen dafür stabil funktionieren. Wenn eine der beiden wackelt, wird das Gerüst instabil, wird die andere der Bahnen mehr belastet, möglicherweise überlastet.

Peter Buchner hat mit der Wiederherstellung der S-Bahn dem Gesamtkonstrukt den notwendigen Halt zurückgegeben. Damit hat er auch der U-Bahn sehr geholfen. Für Peters fachlich fundierte und menschlich außerordentlich angenehme kollegiale Zusammenarbeit bin ich ihm sehr dankbar. Er hat sich damit um die S-Bahn und auch die U-Bahn verdient gemacht.

Christfried Tschepe, Vorsitzender des Berliner Fahrgastverbands IGEB:

Peter Buchner hatte die außergewöhnliche Fähigkeit, das Unternehmen S-Bahn, seine S-Bahn, mit freundlicher Autorität und großer Wertschätzung für die Mitarbeiter und Fahrgäste zu führen – und war damit überaus erfolgreich. Berlin und Brandenburg haben ihm viel zu verdanken.

IGEB Berliner Fahrgastverband

aus SIGNAL 6/2025 (Dezember 2025 / Januar 2026), Seite 4-5