Schienenverkehrswochen 1990

Verkehrspolitik

Eine der traditionell am besten besuchten Veranstaltungen der Berliner Schienenverkehrs-Wochen ist das “Verkehrspolitische Forum". Die Revolution in der DDR und ihre Folgen eröffnete - wie bei fast allen Veranstaltungen der diesjährigen Schienenverkehrs-Wochen - auch hier neue Möglichkeiten Neben den Verkehrspolitikern von SPD und AL aus dem (West-)Berliner Abgeordnetenhaus war Herr Volkmar Wagner, Mitarbeiter der Potsdamer Bürgerorganisation ARGUS, dabei. Eingeladen war ferner die CDU in der (Ost-)Berliner Stadtverordnetenversammlung, aber trotz einiger Versuche war von dort leider nicht einmal eine Reaktion auf die Einladung zu erhalten.

Die “Doppelfunktion" von Herrn Wagner, er ist neben seinem politischen Engagement für den Verkehr als Mitarbeiter der Potsdamer Verkehrsbetriebe auch beruflich damit befaßt, wurde von den Besuchern zu Fragen nach den Alltagsproblemen im Potsdamer ÖPNV genutzt. Dabei wurde, trotz vorsichtiger Formulierungen, deutlich, daß die engagierten Potsdamer mit der Zusammenarbeit mit ihren Kollegen bei der BVG und bei der DR teilweise nicht zufrieden sind. So verhält sich z.B. die BVG bei der gebotenen Heranführung ihrer Buslinien 6 und 18 an die Potsdamer Straßenbahn passiv bis ablehnend. Sorgen bereitet den Potsdamern auch der Fahrgastrückgang als Folge der Motorisierungswelle seit dem November 1989. Doch sie wollen darauf nicht mit Rückzug sondern mit Verbesserugen bei Bahn und Bus reagieren und verstärkt für den zukunftsträchtigen ÖPNV werben.

Podium
Einig über den Vorrang für den ÖPNV: Volkmar Wagner (ARGUS Potsdam, links), Dr. Joachim Niklas (SPD, rechts) und Michael ramer (AL, 2. von rechts). Foto: M. Heller
U-Bahn-Strecke
Oberbaumbrücke und U-Bf. Warschauer Brücke. Wenn Bundeskanzler Helmut Kohl etwas für Berlin tun wolle, dann solle er der Stadt anstelle des Deutschen Historischen Museums die Wiederherstellung diser historischen Hochbahnanlagen schenken, forderte Herr Cramer. Foto: U. Alexander

Herr Dr. Joachim Niklas, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus und langjährig mit Verkehr befaßt, stellte die Finanzprobleme in den Mittelpunkt seiner Ausführungen, was von mehreren Besuchern kritisiert wurde. Denn, so die Kritik, viele Verbesserungen beim ÖPNV seien auch mit weniger Geld zu erreichen, wenn die Senatsverwaltung und die BVG sparsamer damit umgehen würden. Ungeteilte Zustimmung erhielt Herr Niklas dagegen für seine engagierte Befürwortung der Straßenbahn. Es dürfe nicht nur zu “Stummelverlängerungen" von Ost-Berliner Strecken nach Westen kommen, sondern das Ost-Berliner Straßenbahnnetz müsse auf die ganze Stadt ausgedehnt werden. So seien z.B. Straßenbahnstrecken über die Heerstraße und nach Gatow/Kladow denkbar und müßten untersucht werden.

Herr Michael Cramer, Verkehrspolitischer Sprecher der AL-Fraktion im Abgeordnetenhaus, zog eine insgesamt positive Bilanz der SPD-AL-Verkehrspolitik, gab jedoch auch Fehler und Versäumnisse zu. Daß die Bilanz nach den zwei Jahren insbesondere bei der S-Bahn-Wiederinbetriebnahme nicht besser sei, das sei das “Verdienst” von Bausenator Wolfgang Nagel und seiner Verwaltung. Dem Bausenator sei es gelungen, entgegen der Koalitionsvereinbarung von SPD und AL mehr als 60 Mio DM pro Jahr in den U-Bahn-Neubau zu stecken und damit auch die Abgeordneten “über den Tisch zu ziehen". Dieses Geld fehle nun bei der S-Bahn. Der bevorstehende Beginn für die U-Bahn-Bauarbeiten zur Wiederherstellung der Verbindung Wittenbergplatz - Alexanderplatz sei allerdings als Erfolg zu werten, zumal es damit gelungen sei, das unsinnige und von der AL schon seit langem heftig kritisierte M-Bahn-Projekt nun endlich abzubrechen. Als nächste U-Bahn-Maßnahme müsse die Strecke Schlesisches Tor - Warschauer Brücke wiederhergestellt werden, während auf die Verlängerung der U8 über Wittenau (Nordbahn) hinaus zugunsten einer Straßenbahnerschließung verzichtet werden solle. Dies sei für das Märkische Viertel mit Sicherheit die beste Lösung.

IGEB

aus SIGNAL 9/1990 (Dezember 1990), Seite 14-15

 

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