Report

Bahnhöfe des Jahres 2009: Erfurt Hbf und Uelzen - Sonderpreis für die Usedomer Bäderbahn

Zum sechsten Mal in Folge prämierte die Allianz pro Schiene in diesem Jahr die kundenfreundlichsten Bahnhöfe in Deutschland. In der Kategorie „Großstadtbahnhof“ fiel die Wahl auf Erfurt Hbf, in der Kategorie „Kleinstadtbahnhof“ wurde der Hundertwasserbahnhof Uelzen gewählt. Einen Sonderpreis erhielt die Usedomer Bäderbahn (UBB) für die umfassende und vorbildliche Modernisierung aller Bahnhöfe und Haltepunkte ihres Streckennetzes.

Trassenheide Bahnhof
Usedomer Bäderbahn, Bf Trassenheide. Egal, wo der Fahrgast auf dem Streckennetz der Usedomer Bäderbahn (UBB) ein- oder aussteigt: Jeder Bahnhof bzw. Haltepunkt erfüllt einen hohen Standard, Ausreißer gibt es nicht. In den umfassend sanierten historischen Empfangsgebäuden sind diverse Serviceeinrichtungen untergebracht.
Bahnhof Uelzen
Bahnhof Uelzen. Kunst und Funktionalität gehen im Bahnhof Uelzen Hand in Hand. Der Bahnhof ist seit seiner Umgestaltung durch den Wiener Architekten und Künstler Friedensreich Hundertwasser nicht nur „Verkehrsstation“, sondern auch das Ziel vieler Kulturinteressierter – ein leider (noch?) seltenes Beispiel für eine erfolgreiche Belebung eines Bahnhofquartiers.
Erfurt Hbf
Erfurt Hbf. Die Aufwertung der Bahnhöfe und ihres Umfelds ist ein wesentliches Element zur Attraktivitätssteigerung des Schienenverkehrs. Nach jahrelangem Umbau wurde mit dem Erfurter Hauptbahnhof bezüglich architektonischer Gestaltung und Kundenfreundlichkeit Vorbildliches geleistet, so dass Bahnhof und auch Vorplatz den Kunden heute eine sehr hohe Aufenthaltsqualität bieten.
Erfurt Hbf
Erfurt Hbf
Uelzen
Uelzen
Bahnhof Seebad Heringsdorf
Sonderpreis: Usedomer Bäderbahn; Zum Beispiel: Seebad Heringsdorf. Alle Foto: Christian Schultz

Die fünfköpfige Jury, welche die Bahnhöfe prüft und bewertet, besteht aus Vertretern der Allianz pro Schiene, des Deutschen Bahnkunden-Verbands (DBV), des Auto Club Europas (ACE), des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) und von Pro Bahn.

Erfurt Hbf

Der Erfurter Hauptbahnhof wurde ab 2002 komplett umgebaut bzw. modernisiert; am 13. Dezember 2008 erfolgte die offizielle Eröffnung. Die Gesamtkosten betrugen dafür rund 260 Mio. Euro. In den Umbau integriert wurde ein Teil des historischen Empfangsgebäudes (das ehemalige Vorempfangsgebäude) aus dem Jahr 1893. Die neu entstandene, 154 m lange – zunächst waren sogar 190 m geplant – und 20 m hohe Bahnhofshalle sorgt durch ihre moderne Stahl- bzw. Glasarchitektur für viel Tageslicht auf den Bahnsteigen. Glaskuppeln auf den Bahnsteigen sorgen teilweise auch für natürliches Licht in der darunter liegenden modernen Einkaufspassage. Die neu entstandene Verkaufsfläche umfasst eine Fläche von insgesamt 3000 m².

Alle Gleise sind barrierefrei mit Aufzügen erreichbar. Vorbildlich gelöst ist die Umsteigesituation von/zur Straßenbahn: Vier Linien unterqueren die Bahnanlagen, so dass kurze und wettergeschützte Umsteigewege zu den Haltestellen bestehen. Dynamische Fahrzielanzeiger an beiden Ausgängen informieren über die Abfahrtszeiten der einzelnen Linien. Durch Stadtpläne und Wegweiser innerhalb des Bahnhofsgebäudes bzw. auf dem Vorplatz können sich Ortsunkundige schnell orientieren. Auch das neu gebaute Fahrradparkhaus liegt in direkter Nachbarschaft des Bahnhofsgebäudes; unter dem Bahnhofsvorplatz befindet sich das Parkhaus für Pkw. Im Bahnhof befinden sich neben dem Reisezentrum Serviceeinrichtungen, Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten. Neben Standard-Imbissen und Bäckereiständen gibt es sogar ein Angebot regionaler Spezialitäten.

Das Gebäude macht außen und innen einen sehr sauberen, gepflegten Eindruck. Gelungen ist des Weiteren der großzügige und autofreie Bahnhofsvorplatz, der mit Bänken und Pflanzkübeln sehr ansprechend gestaltet wurde und so ein hohes Maß an Verweilqualität bietet.

Verbesserungspotenzial bietet der Bahnhof durch die dauerhafte Öffnung des bislang lediglich als Fluchtweg genutzten Südzugangs über den Flutgraben; dies würde vielen Bahnkunden bzw. Gästen unnötige Umwege in bzw. aus dem Bahnhof ersparen.

Uelzen – der Hundertwasserbahnhof

Entstanden ist der Bahnhof in seiner heutigen Gestalt im Jahr 2000 als Expo-Projekt. Konzipiert hat den Umbau des im Jahr 1888 im wilhelminischen Baustil errichteten Inselbahnhofs der Wiener Architekt bzw. Künstler Friedensreich Hundertwasser. Am 25.11.2000 erfolgte die feierliche Eröffnung des umfassend umgebauten Bahnhofs. In der Zeit von Januar 2006 bis März 2007 wurde der Bahnhof im Zuge des Programms „Niedersachsen ist am Zug“ für 5,5 Mio. Euro weiter modernisiert bzw. behindertengerecht gestaltet. Hierzu zählten u. a. Maßnahmen wie die Erhöhung der Bahnsteige. Im Ergebnis bietet der Bahnhof Uelzen daher nicht nur ein Kunsterlebnis auf hohem Niveau, sondern zugleich auch hohe Funktionalität und Kundenfreundlichkeit.

Im Bahnhof sind vielfältige Serviceeinrichtungen wie z. B. Reisezentrum, Erwerbsmöglichkeiten von Reisebedarf oder das einladende Bahnhofsrestaurant vorhanden – selbst der Ausgang zum ZOB wurde hier mit einem Kiosk nicht ausgespart. Der Kulturund Umweltbahnhof leistet damit einen erfolgreichen Beitrag zur Imageverbesserung des Bahnreisens. Er ist mittlerweile nicht nur Ankunfts- und Abfahrtsort für Bahnreisende, sondern auch zu einer Touristenattraktion geworden. Der Bahnhof verzeichnet pro Jahr über 450 000 Besucher. Für Kulturinteressierte werden auch Bahnhofsführungen angeboten. Vergleichbares ist in Deutschland bislang leider die Ausnahme!

Des Weiteren war das Bahnhofsumfeld Bestandteil der Modernisierungsmaßnahmen; die Schnittstellen zu Auto, Fahrrad und Bus wurden ebenfalls optimal gestaltet. Dieses Bahnhofsprojekt dient somit als herausragendes Vorbild, auch an anderen Orten innovative Strategien für die Neugestaltung und Belebung von Bahnhöfen bzw. Bahnhofsquartieren zu entwickeln und umzusetzen.

Wenn man sich als Bahnkunde und/oder Hundertwasserfan abschließend noch etwas wünschen darf, dann sind es zusätzliche Sitzbänke auf den Bahnsteigen – gerade, um die vorhandene hohe Aufenthaltsqualität weiter zu verbessern.

Sonderpreis: Usedomer Bäderbahn UBB

Es hat sich in den vergangenen Jahren bezahlt gemacht, dass die Usedomer Bäderbahn zugleich Eigentümerin ihrer Strecken und Stationen sein wollte. Die Übernahme des 54 km langen Inselbahnnetzes erfolgte seitens der UBB am 1. Juni 1995, es folgte am 1. Oktober 1999 der 19,7 km lange Abschnitt Züssow—Wolgast und am 15. Dezember 2002 schließlich die 10,8 km lange Strecke Velgast—Barth. Hinzu kamen die Streckenverlängerungen Seebad Ahlbeck—Ahlbeck Grenze am 8. Juni 1997 (2,4 km) und Ahlbeck Grenze—Świnoujście Centrum am 20. September 2008 (1,4 km). Alle Bahnhöfe und Haltepunkte bieten mittlerweile einen ungewohnt hohen Standard. Abbruchreife, verwahrloste „Empfangsgebäude“ mit zugenagelten Fenstern gibt es nicht, im Gegenteil: Die historischen Gebäude wurden schrittweise von Grund auf denkmalgerecht saniert und mit neuen Nutzungen, wie z. B. Gaststätten, Fahrradverleih oder musealen Einrichtungen, ausgestattet.

Gute Beleuchtung, Fahrplan-Aushänge und gut lesbare Stationsschilder sind an allen Bahnhöfen bzw. Haltepunkten vorhanden bzw. eine Selbstverständlichkeit. Egal, wo der Fahrgast ein- oder aussteigt, er findet auch einen barrierefrei zu erreichenden Bahnsteig vor. Dabei kamen vergleichsweise einfache Mittel wie z. B. Rampen und schienengleiche Überwege zum Einsatz. Auf den Einbau von technisch und betrieblich kostenträchtigen Aufzügen wurde verzichtet. Ebenso wurde auf Fußgängertunnel verzichtet – Anlagen, die in der Regel binnen kurzer Zeit durch Vandalismus gefährdet sind und noch dazu ein Sicherheitsrisiko darstellen können.

Damit heben sich die Stationen der UBB mittlerweile sehr deutlich von vielen Bahnhöfen bzw. Haltepunkten vergleichbarer Größenordnung der DB Station & Service AG ab. Ergänzt wird der positive Eindruck durch die UBB-Strategie eines ausschließlich personalbedienten Fahrkartenverkaufs – verbunden mit der Beratungsmöglichkeit der Bahnkunden – bzw. durch den Verzicht auf eine Automaten-“ Abfertigung“. Fazit: Die Usedomer Bäderbahn bietet ein stimmiges Gesamtbild, dem in den nächsten Jahren hoffentlich auch in anderen Regionen noch viele weitere positive Beispiele folgen werden!

Deutscher Bahnkunden-Verband

aus SIGNAL 5/2009 (Dezember 2009), Seite 17-18

 

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