Berlin

Vor 70 Jahren: Der Obus fährt in Spandau

Am 24. Dezember 1933 ging in Spandau die dritte Obus-Linie in Deutschland in Betrieb. Damit kehrte der Obus in seine Geburtsstadt Berlin zurück.

Bereits 1882 fuhr in Halensee der erste Obus der Welt. Weitere Linien waren die von Niederschöneweide nach Johannisthal (1904 bis 1905) und in Steglitz (1912 bis 1914). Während die Anlage in Niederschöneweide wegen technischer Schwierigkeiten wieder abgebaut werden musste, war die Steglitzer Anlage, wie die Spandauer, in ihrer Zeit sehr fortschrittlich. Eine weitere traurige Gemeinsamkeit: Kriege beendeten ihre weitere Entwicklung.

Obus
Wagen 1001 vor der Wagenhalle in Spandau. Foto: Mattis Schindler, DVN
Obus
Wagen 1001 in Spandau Foto: Mattis Schindler, DVN
Obus
Alfa-Romeo-Obus 1401 auf dem Nennhauser Damm. Foto: Mattis Schindler, DVN

Mit der Spandauer Linie A 31 führte die BVG in einem recht frühen Stadium der Entwicklung den Obus-Verkehr ein, der zu dieser Zeit in Deutschland noch Versuchscharakter hatte. Dies zeigte sich deutlich bei der Ausrüstung der Fahrzeuge, der Wahl dieser recht kurzen Linie mit 6,5 Kilometern mit wenig Berufsverkehr.

Die von der AEG errichtete Fahrleitung wurde „freibeweglich" mit 80 mm² Ovalfahrleitung ausgeführt. Sie speiste man aus dem Unterwerk Neu-Staaken und dem der Straßenbahn in Spandau.

Die Betriebsstrecke zum Bahnhof Spandau entstand unter Mitnutzung der Straßenbahn-Fahrleitung.

Die drei Fahrzeuge (1001 bis 1003) wurden in Anlehnung an vorhandene BVG-Eindecker beschafft. Die Fahrgestelle baute Büssing mit klassischen Achsen, die Aufbauten lieferte Christoph & Unmack und die elektrischen Ausrüstungen stellte die AEG (direkte Schützensteuerung mit Doppelmotor) her. 1934/1935 beschaffte die BVG weitere vier Wagen von MAN und Siemens (Nummern 1101 bis 1104) mit elektromotorischen Schaltwerken und zwei Einzelmotoren, die über Schneckengetriebe die Halbachsen antrieben. Ab 1941 wurden vier Wagen der Serie 1204 bis 1211 (Hersteller: Daimler-Benz, AEG) auch in Spandau eingesetzt. Von den drei 1943 beschafften italienischen Obussen (Hersteller: Alfa-Romeo, TIBB) setzte man zwei Wagen ab 1944 ein (Nummern 1401 bis 1403).

Wegen häufiger Probleme mit den Obussen ruhte kriegsbedingt der Verkehr zwischen dem 30. August 1940 und 4. April 1941, dem 19. Juni 1942 und 1. September 1943 sowie 26. September 1943 bis 22. September 1944. Am 11. April 1945 stellte man den Betrieb wegen der nahenden Kampfhandlungen ganz ein.

Während der Bombenangriffe auf Berlin wurde der Betriebshof Spandau getroffen und die Halle mit den Obussen 1003,1101,1102 und 1103 brannte völlig aus; erst am 1. August 1949 konnte der Verkehr auf der Linie A 31 wieder aufgenommen werden. Bei Orenstein & Koppel am Brunsbüttler Damm wurde dazu eine Halle angemietet und entsprechend hergerichtet.

Ab 1949 kamen auch Wagen aus der 1947er-Lieferung (Nummern 1212 bis 1226; Daimler-Benz, Schumann/AEG bzw. SSW) zum Einsatz, während die italienischen Busse abgestellt blieben.

Mit der Teilung Berlins wurde genau in der Mitte des Nennhauser Damms die Zonengrenze zur Sowjetischen Besatzungszone festgelegt, die Fahrleitung auf dieser Straße war „zonen-überspannend". Mit den zunehmenden Problemen und Auseinandersetzungen zwischen den Alliierten fuhren die Obusse ab dem 15. Dezember 1952 nur noch bis zur Wagenhalle Brunsbüttler Damm und sechs Tage später wurden sie für immer durch Autobusse ersetzt.

Noch bis heute - über 50 Jahre nach der Stilliegung - zeugt ein Obus-Mast auf der westlichen Seite des Nennhauser Damms (ehemalige DDR-Seite) von dieser ersten neuzeitlichen Obus-Linie Berlins.

Berliner Obus-Flair ist in Zusammenarbeit von Deutschem Technikmuseum (Berlin), Barnimer Busgesellschaft (Eberswalde) und Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin (DVN) bei Einsätzen der ehemaligen Berliner Obusse in Eberswalde zu erleben.

Termine und Fahrten finden Sie auf der DVN-Internet-Seite www.dvn-berlin.de .

Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin

aus SIGNAL 6/2003 (Dezember 2003/Januar 2004), Seite 26

 

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