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Zum gegebenen Anlaß, der halbwegs vollendeten Sanierung des
Nord-Süd-S-Bahn-Tunnels, erschien 1991 im Ch. Links Verlag ein beachtenswertes
Buch, sein Titel: Geisterbahnhöfe. Der Autor: Heinz Knobloch, Meister der
feinen Töne und des exzellenten Satzbaus. Dessen Texte sind für
stadtgeschichtlich oder auch sonst an gut Geschriebenem Interessierte ein
Muß. Im vorliegenden Buch folgt er als Spaziergänger dem unterirdischen
Verkehrsweg, der besseren Sicht
dagegen aber an der Oberfläche. Mit den gut recrchierten Geschichten und
Histörchen zu dem vergangenen und heutigen Stadtbild, resp. städtischem Leben
entlang der geheimnisumwitterten Tunnelröhre, die eines der Rudimente von
Hitlers und Speers größenwahnsinnigen "Stadtplanungen" darstellt,
korrespondieren die unter dem Pflaster bzw. Asphalt entstandenen Fotos
von Michael Richter nebst Recherche durch Thomas Wenzel. Die Genannten
hatten Gelegenheit, in den letzten Tagen des DDR-Grenzregimes die bislang
für Außenstehende nicht zugänglichen Anlagen in Augenschein zu nehmen.
Gewiß mit einiger Ernüchterung, aber dies ist immer so. Finstere Fieslinge
in riesigen, leicht nebelwallenden Befehlszentralen wie im James-Bond-Film
waren nicht zu finden. Es hat eher etwas normal spießiges, wenn man die
Bilder mit den (noch) diensttuenden Grenzern sieht. Ergänzend zu den
genannten Texten wird auf die Grenzschließung eingegangen, der am 13.
August 1961 diensthabende Stellwerksmeister kommt zu Wort, wir
erfahren einiges über die Geschichte von Potsdamer Platz und
Nord-Süd-Bahn, über Tunnel-flutung 1945 und Details der Grenzsicherung.
Das für den Gelegenheitskäufer vom Preis her nicht in allen Fällen
erschwingliche Werk liegt jetzt in einer dem Tourismusmarkt angepaßten,
dünneren und weniger die Brieftasche belastenden Ausgabe vor. Um auch
weitgereisten Gästen etwas von dem vergangenen, morbiden Charme des
Geistertunnels zu vermitteln, sind die Texte und Bildunterschriften
neben unserer Muttersprache in englisch und französisch gehalten. Wenn
auch manch einer bei dieser Neuauflage den Kommerz wittern mag (klar,
ein Verlag will und muß sein's verkaufen) - es verdient Beachtung, daß
dem seichten, nichtssagenden Überangebot von Lobhudeleien auf ein ach so
schönes und heiles Berlin, womit unsere Besucher gefüttert werden (wenn
auch mit sinkender Tendenz), einmal etwas Gehaltvolles entgegensteht,
das anschaulich jüngere Geschichte mit deutlichem Bezug zu
Aktuellem vermittelt. Die ursprünglichen Abhandlungen von Knobloch
und Wenzel wurden reduziert auf einen kurzen Abriß der Geschichte
des Nord-Süd-Tunnels in der Ära ab 1961 (darf man dies Knoblochs
Texten eigentlich an tun?). Dem schließt sich ein umfangreicher
Bildteil an, der im wesentlichen dem im Originalbuch abgedruckten
Fundus entspricht. Es folgt eine Beschreibung der einzelnen Bahnhöfe.
Wer also seinen Gästen etwas Gutes tun will und diverse Schlösser,
Ku'damm, Funk- und Fernsehturm abgearbeitet hat, dem sei die Anschaffung
des Büchleins zu 16,80 DM empfohlen. Vom Format her paßt es übrigens
prima zwischen die SIGNAL-Sonderausgaben, so daß ein schöner Anblick
im Bücherschrank entsteht. Wem weniger nach der Fast-food-Variante ist,
dem sei versichert, daß die 42 Deutschmark für die eingangs erwähnte
Fassung auch sehr gut angelegt sind. Ivo Köhler
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