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Liebe BVG!

Nun hast Du also Deine Fahrpreise erhöht, pardon: "die Tarife angepaßt", wie Du das nennst. Wir wissen zwar nicht, woran diese Anpassung erfolgt ist, nur daß sie mit der allgemeinen Preisentwicklung nichts zu tun haben kann; denn wenn wir uns das Tempo so anschauen, in welchem Deine Preise in den letzten zwanzig Jahren geklettert sind, liebe BVG, dann müßten wir in der Bundesrepublik in dieser Zeit eine Inflation von fast brasilianischen Ausmaßen gehabt haben. Fuhr man doch, nur mal als kleines Beispiel, 1974 noch per jetzt abgeschaffter Sammelkarte für fünfzig Pfennig mit der U-Bahn (West). Und die Züge waren damals zum großen Teil schon die gleichen (freilich dreiundzwanzig Jahre jünger), das Netz nicht erheblich kleiner, aber zum Beispiel die Bahnhöfe noch mit viel Personal und dafür mit erheblich weniger Vandalismusschäden versehen.

Daß zwischen der Verwahrlosung von Bahnhöfen und der Abwesenheit von Aufsichtspersonal irgendein Zusammenhang bestehen könnte, hast Du, liebe BVG, ja gerade in einem geistigen Kraftakt als totalen Unfug entlarvt. Nicht minder einleuchtend, wie Du - unisono mit dem Senat - Deine "Tarifanpassung" begründest: Wer Dich viel belästigt, pardon: benutzt, soll auch viel zahlen, das sei "gerecht". Richtig: Du handelst hier nur nach dem altbekannten Prinzip des Mengenzuschlags. Ganze Wirtschaftszweige leben davon: Bekanntlich zahlt die Supermarktkette X, wenn sie drei Millionen Dosen Erbsensuppe kauft, zur Strafe pro Dose mehr als der Tante-Emma-Laden Y, der drei Dosen ordert. Wer viel Strom verbraucht, kommt bei der Bewag gleich in eine viel teurere Tarifklasse, wer einen Zehnerpack von irgendwas ersteht, muß pro Stück mehr berappen als beim Erwerb von zehn Einzelstücken, kurzum: Überall geht es so gerecht zu, wie Du jetzt Deine Tarife organisieren willst.

Und wenn wir auch nicht wissen, woran Du Deine Preise "anpaßt", so ist uns doch wenigstens erklärt worden, wofür Du dies tust. Im "Tagesspiegel" vom 21. Januar hat uns Deine Sprecherin Kirstein mitgeteilt, diese "Reform" (Donnerwetter, das ist ja fast noch besser als "Anpassung"!) bringe das "dringend benötigte" Geld, "um das bestehende gute Nahverkehrsangebot in Berlin auch in Zukunft aufrechtzuerhalten". So so: Der jetzige Standard kostet also pro Stammfahrgast rund neunzig Mark im Monat. Wieviel müßte man denn dann für Pünktlichkeit, Höflichkeit und Sauberkeit bezahlen? Wieviel für gut gestaltete neue Fahrzeuge, instandgehaltene Bahnhöfe, Personal auf allen Stationen und die Wiedereinführung der Warnung "Einsteigen, bitte", statt einem plötzlich mit Gefiepse und Geblinke wortlos die Türen vor der Nase zuzuschlagen? Wieviel dafür, daß auf Strecken wie der U7 oder der U9 nicht die Standardansage lautet: "Der Zugverkehr ist zur Zeit auf Grund einer Störung unregelmäßig" und die im Berufsverkehr ohnehin oft überfüllten Züge dann noch überfüllter sind? Wieviel dafür, daß man den Weg von, sagen wir mal, Steglitz nach Weißensee am Wochenende oder nach 20 Uhr mit Dir, liebe BVG, wenigstens halb so schnell zurücklegen könnte wie mit dem Auto? Fünfhundert Mark? Tausend Mark?

Über diese Frage sinniert bis zu Deiner nächsten "Anpassung" (also bestenfalls zwölf Monate lang)

Dein Jan Gympel

aus SIGNAL 1/1997 (Januar 1997), Seite 8

 

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