Nahverkehr

Neue Straßenbahnen für Potsdam

Wir berichteten bereits in Signal: der Verkehrsbetrieb Potsdam (ViP) hat sich im Ergebnis einer EG-weiten Ausschreibung für den von Siemens neu entwickelten „Combino“ entschieden. Der Prototyp war nach ausgiebigen Testfahrten auf der Wiener Lokalbahn auch zwei Monate lang in Potsdam zu einem intensiven Testeinsatz.

Erfreulicherweise gab es kaum technisch bedingte Ausfälle, der Wagen war fast täglich im Einsatz. Das gute Bild, das der Wagen bereits nach 15.000 Kilometern Testfahrt in Wien abgegeben hatte, bestätigte sich nun auch in der brandenburgischen Landeshauptstadt.

Combino Designstudie
Auch in Augsburg unterwegs: Combino-Straßenbahn Foto: Siemens

Aufgrund der Erfahrungen mit in ähnlicher Konfiguration zusammengestellten Wagen in Mannheim, Ludwigshafen und Dresden wurden anfangs Probleme hinsichtlich des Geradeauslaufs befürchtet. Diese Befürchtungen sind unbegründet, auch nach größerer Laufleistung sind keinerlei Schlingern des Wagens oder sonstige Abnormitäten im Fahrverhalten feststellbar. Auch Vorbehalte, das gewählte Antriebskonzept könnte hinsichtlich Spurkranzverschleiß und Lebensdauer der Getriebe zu Nachteilen führen, konnten ausgeräumt werden. Der Verschleiß an den Radsätzen ist minimal.

Der tägliche Fahrgasteinsatz bot der Potsdamer Bevölkerung genügend Gelegenheit, Wünsche und Kritik zu äußern. Viele Hinweise wurden noch entgegengenommen und fließen in die nun beginnende Serienfertigung ein. Die gestalterisch interessanten Gruppensitze über den Antrieben werden in der Anordnung etwas verändert, um allzu intensiven „Beinkontakt" von nebeneinandersitzenden Fahrgästen zu vermeiden. Als Kinderwagen- und Rollstuhlstellplätze werden die flächen gegenüber den Türen II und IV vorgesehen. Zu berücksichtigen war hierbei, daß der Stellplatz so gestaltet wird, daß ein Rollstuhl bei einer plötzlichen Bremsung nicht wegrollen kann. Kritiken gab es hinsichtlich der Belüftung des Wagens. Dies ergab sich aber aus der nicht seriengerechten Zusammenstellung der Module beim Prototyp. Die Serienwagen werden mit einer ausreichenden Anzahl von Klappfenstern versehen, für den Fahrerplatz ist eine Klimaanlage vorgesehen.

Seltsam anziehend wirkt die erste Tür des Wagens. Ausgerechnet diese ist aber nur einteilig und somit recht schmal. Konstruktiv ist bei diesem Wagentyp aber mehr nicht drin. Es stand die Alternative, auf diese Tür völlig zu verzichten. Im Interesse der durchgehenden Begehbarkeit des Zuges wurde aber auf die vordere Tür Wert gelegt. Auch ist es gerade für ältere Fahrgäste sicherer, im Sichtbereich des Fahrers ein- und auszusteigen. Sinnvoll wäre die Möglichkeit einer separaten Betätigung der ersten Tür durch das Fahrpersonal, wie man es vom Bus kennt. Bei der Schaltung im KT4D (und auch bei allen modernisierten und neuen Fahrzeugen in Berlin zum Beispiel) kann die erste Tür vom Fahrer nur dann separat geöffnet werden, wenn alle anderen Türen auf „Schließen" stehen. Ein kundenfreundliches Verhalten wird dadurch unnötig erschwert. Auch das soll der Vergangenheit angehören.

Ausgestanden sind (hoffentlich) die politischen Querelen um die Entscheidung zum Kauf des „Combino". Der Aufsichtsrat des ViP steht zu seiner Entscheidung. Maßgebend hierbei: die Modulbauweise des Combino ist ein entscheidender Beitrag zu günstigeren Kostenstrukturen im ÖPNV. Immer wieder auftauchende Wortmeldungen aus politischen Kreisen kann man mittlerweile als Profilierungsversuch fern aller Sachkenntnis einordnen. Sowohl der Verband Deutscher Verkehrsbetriebe (VDV) als auch einzelne Betriebe sehen in dem Wagen eine gelungene Konstruktion, auch die Fachpresse ist sehr optimistisch und schätzt die Potsdamer Entscheidung als richtig ein. Im Oktober 1998 wird der erste Wagen aus der jetzt beginnenden Serienfertigung erwartet. Es besteht kein Zweifel, daß er ohne nennenswerte Probleme dem Betrieb übergeben wird und die Potsdamer Straßenbahn mit einem modernen, zeitgemäßen Wagenpark die Schwelle zum neuen Jahrtausend überschreiten kann.

IGEB

aus SIGNAL 1/1998 (Februar 1998), Seite 15

 

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