Niedersachsen

Bahnreisen im Wendland zwischen Lüchow und Dannenberg wieder möglich

Kaum jemand hatte gewagt daran zu glauben: Nach über 30 Jahren Stillstand gibt es auf der Jeetzeltalbahn seit dem 11. März wieder einen planmäßigen Zugbetrieb, wenn auch vorerst nur am 1. Wochenende jeden Monats bis zum 3. Dezember 2005 und an zahlreichen weiteren Tagen.

Die Deutsche Regionaleisenbahn - die Eigentümerin dieser Strecke - läßt ihren Triebwagen an 36 Tagen zwischen Lüchow und Dannenberg über Gollau, Grabow und Jameln pendeln. Am Wochenende zuvor hatten sich Unterstützer des Fahrgast-Rates Wendland auf den Weg gemacht und unter dem Motto „Wir schneiden der Bahn den Weg frei" Büsche und Äste entlang der Strecke zurückgeschnitten.

Regelmäßige Fahrten

Frank Nieber von der Salzwedeler Initiative „ Die Bahn bleibt" war bei der ersten Zugfahrt dabei und schildert seine Erlebnisse:

Fahrgastinnenraum
Gut angenommen wurden bisher die Fahrten zwischen Lüchow und Dannenberg Ost. Viele hundert Einheimische und deren Gäste schätzten an den ersten Fahrtagen das DRE-Angebot Foto: Frank Böhnke

Einen wehmütigen Eindruck machte das Bahnhofsgelände des Bahnhofs Lüchow mit seinem geschlossenen Empfangsgebäude und seinen leerstehenden ehemaligen Diensträumen. Zerstörte Gleisanlagen, zum Teil fehlende Pflastersteine auf dem Bahnsteig, der Hausbahnsteig mit Gestrüpp überwuchert. Wenig deutete auf einen Zugverkehr hin, nur ein Fahrplan an einem Nebengebäude und die zahlreich wartenden Fahrgäste. Aber pünktlich um 11.07 Uhr erreichte pfeifend der Zug aus Dannenberg den Bahnhof Lüchow, um uns um 11.12 Uhr bei seiner nächsten Runde nach Dannenberg Ost zu befördern.

15 Jahre nach Grenzöffnung - den Tag haben viele Salzwedeler lange ersehnt - haben wir endlich die Möglichkeit, mit dem Zug von Lüchow nach Dannenberg zu reisen. Es herrscht zwar schlechtes Wetter, aber die Atmosphäre im gut gefüllten Zug ist sehr angenehm. Es ist für uns aus der Altmark die erste Gelegenheit, um mit einem nun planmäßig fahrenden Zug auf der 1972 eingestellten Bahnlinie nach Dannenberg zu reisen. In Dannenberg besteht zudem noch die Möglichkeit des Übergangs zu den Zügen in Richtung Lüneburg über Hitzacker.

Die Strecke hat in all den Jahren ihres Ruhestandes nichts an Flair vergangener Tage verloren. Sie bietet somit eine gute Alternative, den Wochenendausflug mit der Bahn zu planen und zu gestalten. Was ein wenig der Kritik würdig ist, ist die Tatsache, daß leider nur am Sonnabendvormittag eine Busverbindung von Salzwedel zu und von den Zügen existiert. Dabei wird nicht einmal der Bahnhof angefahren, sondern die Busse enden in Lüchow ZOB mit anschließendem Fußweg. Es wäre gut, wenn man über einen Anschlußbus am Bahnhof einmal nachdenken würde.

Nachdenken über Salzwedel

Nach Aussagen und dem Willen der freundlichen Bahnmitarbeiter wird über einen Ausweitung des Verkehrs auch auf dem Abschnitt Salzwedel—Lüchow nachgedacht (derzeit noch Busverkehr, da das Teilstück Salzwedel—Lüchow 1945 mit dem Kriegsende abgerissen wurde und erst wieder aufgebaut werden muß), so daß in den nächsten Jahren auch dort der Betrieb wieder aufgenommen werden könnte. Ein erster Schritt hierzu wäre eventuell, die Zugverbindung auf den Abschnitt Lüchow—Wustrow auszudehnen, da bis dort die Gleisanlagen noch liegen.

Es verkehrt ein vierachsiger Triebwagen (Uerdinger Schienenbus VT 21) der Prignitzer Eisenbahn, welcher ein freundliches Innere bietet, aber auch der Witterung entsprechend angenehm beheizt ist. Vermißt man in den Zügen auf anderen Strecken einen ausgewogenen Sitzkomfort, so wird er hier geboten. Überrascht sind wir über den gepflegten Zustand der ehemaligen Empfangsgebäude auf den Haltestellen entlang der Strecke, wie in Gollow, Grabow, Jameln und Dannenberg West. Es ist diesen kaum anzumerken, daß sie einen 30jährigen Dornröschenschlaf hinter sich haben.

Große Resonanz

Nach einer knapp zweistündigen Reise durch das Wendland und mit der Rückkehr nach Lüchow verspüren wir langsam Hunger. Auch das ist fast zur heutigen Zeit schon eine Seltenheit: In Lüchow können wir Bahnreisende uns in der dortigen gemütlichen Bahnhofsgaststätte bei warmem Mittagstisch laben, dieses noch zu relativ fairen Preisen. Alle von uns an diesem Tag an der Fahrt beteiligten sind angenehm angetan. Wir sind auch über die große Resonanz an Fahrgästen überrascht. Trotz des miesen Wetters nutzen viele die Gelegenheit zu einem Ausflug mit der neuen Bahn. Das läßt auf einen relativ guten Erfolg und ein langes Leben hoffen.

Einstellungen in Sachsen-Anhalt

Leider wird bei uns in Sachsen-Anhalt, besonders aber in der Altmark, ein anderer Weg gegangen. Hier sind fast alle Eisenbahnstrecken in kürzester Zeit geschlossen worden, so daß ganze Gebiete und Ausflugsziele auf große Entfernungen für Leute ohne Auto nicht mehr erreichbar sind. So zum Beispiel auf der Bahnlinie Salzwedel—Diesdorf mit seinem Heimatmuseum, wo im Jahr 1993 der Zugverkehr eingestellt wurde. Salzwedel—Beetzendorf—Klötze—Oebisfelde hat dieses Schicksal schließlich im Jahr 2002 ereilt. Aber auch die Strecke Salzwedel über Luftkurort Arendsee nach Wittenberge, welche seit 2002 nur noch an Wochenenden per Bahn bedient wurde, mußte trotz der stark zugenommenen Fahrgastzahlen sich jüngst, am 12. Dezember 2004, diesem Schicksal fügen und wurde ebenfalls eingestellt. Ein Hoffnungsschimmer ist, daß auch hier die Deutsche Regionaleisenbahn sich engagiert und versucht, auch diese Strecken wiederzubeleben.

Das Angebot des Bahnbetriebes auf der Strecke Lüchow—Dannenberg werden wir häufiger für Ausflüge in den Frühling, gemeinsam mit Freunden, Bekannten sowie der eigenen Familie nutzen.

Kontakt zur Unterstützung
Frank Nieber (Die Bahn Bleibt e. V.),
Lindenallee 16, 29410 Salzwedel,
Telefon (0 39 01) 373 01, E-Mail
Hobbyeisenbahner@aol.com

Fahrgast-Rat Wendland,
Dorfstraße 30, 29462 Blütlingen,
Telefon (0 58 43) 98 69 00,
E-Mail fahrgastrat.wendland@jpberlin. de

Die Bahn bleibt e. V./Fahrgast-Rat Wendland

aus SIGNAL 2/2005 (April/Mai 2005), Seite 22

 

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