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Holger Mertens, SIGNAL-Chefredaktion:
Das erste Mal habe ich Peter Buchner im Jahr
2006 getroffen, als er in einer führenden Position
bei DB Regio Nordost gearbeitet hatte.
Um die neuen Doppelstockwagen zu präsentieren,
wurden vom Unternehmen viele
Vertreter aus der Branche auf eine Fahrt
nach Hamburg eingeladen. Die Bordverpflegung
hatte er dabei selbst an die vielen
Gäste verteilt – ungewöhnlich für einen
Bahn-Manager.
Dann kam die S-Bahn-Krise. Als diese 2009
an ihrem schlimmsten Tiefpunkt angekommen
war, sollte Peter Buchner es richten. Nur
wenige Wochen nachdem er die Geschäftsführerschaft
übernahm, stellte er sich vor
allen anderen zuerst den Fahrgästen – auf
unserem Sprechtag. Dabei legte er nach
so kurzer Zeit ein derart großes Detailwissen
der Probleme und dabei aber einen so
dermaßen offenen und ehrlichen Umgang
damit an den Tag, dass der für die Veranstaltung
vorsorglich anberaumte Polizeischutz
völlig überflüssig war.
Damit hat er mich und andere nachhaltig
beeindruckt und beeinflusst. Die Bereitschaft,
sich jedes Problems bis hin zur
Flugschneematte anzunehmen, strahlte
die letzten 16 Jahre nach außen und tief
ins Unternehmen – nachhaltig. Das ist mir
vor einiger Zeit bei einem Problem mit dem
Ersatzverkehr am S-Bahn-Kundentelefon
bewusst geworden: Ehrliche Annahme von
Kritik und die Bereitschaft, sich mit den Details
zu befassen. Das ist bei den S-Bahnern
außergewöhnlich.
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| Peter Buchner 2023. Foto: Florian Müller |
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Peter Buchner verstarb am 4. November
2025 im Alter von 58 Jahren. Er war bis
zum Schluss 16 Jahre lang Chef der Berliner
S-Bahn. Wir haben Wegbegleiter gebeten,
uns ihre ganz persönlichen Geschichten zu
senden. Eine Auswahl finden Sie hier.
Stefan Jacobs, Redakteur Tagesspiegel:
Juni 2025, ein schöner Sommertag, ein
fröhlicher Peter Buchner: Gerade hat uns
der vom Chef persönlich beglückwünschte
1000. neu ausgebildete Lokführer ins Werk
Schöneweide gefahren. Der Pressetermin
ist vorbei, das Fernsehen weg, wir plaudern
noch ein wenig über die Reize des Lokführerberufs.
Falls es mit dem Journalismus
wirtschaftlich irgendwann ganz dramatisch
wird, könnte ich mir vorstellen, ebenfalls
S-Bahnen zu fahren, erzähle ich Buchner.
Woraufhin er mit leuchtenden Augen von
den tollen Bedingungen erzählt, die der Tarifvertrag
mir dann bieten würde mit seiner
Wahl zwischen mehr Geld und mehr Freizeit.
Wie viel Geld eigentlich? Peter Buchner
ruft jemanden an, der es genau weiß, und
versichert mir, dass die S-Bahn auch ältere
Quereinsteiger nimmt. Als wir uns verabschieden,
fühle ich mich ein beschwingt, als
hätte ich gerade ein Bewerbungsgespräch
beim sympathischsten nur vorstellbaren
Chef absolviert.
Es war meine letzte persönliche Begegnung
mit Peter Buchner. Der Gedanke, dass
er nicht mehr da ist, tut furchtbar weh.
Alexander Kaczmarek, DB-Konzernbevollmächtigter Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern:
Irgendwann kam ein großer Autokonzern
auf die Idee auch auf Berliner S-Bahnhöfen
um neue Mitarbeitende zu werben. Überraschenderweise
mit der Überschrift „Fahrt
mehr Bahn“. Das wurde weiter unten auf
dem Plakat dann aufgeklärt: „Pendeln zum
neuen Job in Wolfsburg“. Das Foto dieses
originellen Anwerbeversuchs schickte ich
Peter. Seine Antwort: „Bitte nimm die Relation
in i2030 auf, falls der Verkehr so stark
wächst!“ Meine Antwort: „… Verlängerung
S 9 von Spandau nach Wolfsburg. Da braucht
DB Energie 145 Unterwerke … “ Postwendende
Antwort von Peter: „Na ja, ist ja flach
und in Sachsen-Anhalt müssen wir nicht halten.
Dann geht es ab Stendal mit Schwung!“
Wir haben die Verlängerung der S 9 von
Spandau nach Wolfsburg übrigens dann
doch nicht weiterverfolgt …
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| Peter Buchner im Berliner S-Bahn Museum. Foto: Peter Haag |
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Thomas Fülling, langjähriger Verkehrsredakteur der Berliner Morgenpost:
Im November 2011 hatte S-Bahn-Chef Peter
Buchner die Berliner Verkehrsjournalisten
ins Werk Wannsee eingeladen. Der Anlass
war alles andere als erfreulich. Der Winter
stand vor der Tür – und der war in den beiden
Jahren zuvor für die S-Bahn ein Desaster
gewesen. Reihenweise fielen Zugfahrten
aus oder verspäteten sich, weil die Züge Eis
und Schnee nicht gewachsen waren. Im Gegensatz
zu manch anderem Bahn-Manager
beschönigte Buchner die Lage nicht: „Kälte
ohne Schnee und Schnee ohne Kälte machen
der S-Bahn nicht viel aus. Fallen aber
beide Wetterlagen in extremer Form zusammen,
bekommen wir Probleme“, so damals
seine nüchterne Einschätzung. Als einer der
Schwachpunkte hatten sich bei der bis heute
zahlenmäßig stärksten S-Bahn-Baureihe
481 die Besandungsanlage herauskristallisiert.
Ähnlich wie das ABS beim Auto sorgt
diese dafür, dass sich die Bremswege auf
nassen und rutschigen Schienen nicht gefährlich
verlängern. Friert die Anlage jedoch
ein, kann kein Bremssand auf die Gleise rieseln.
Die Züge der BR 481 durften daraufhin
nicht mehr schneller als 60 km/h fahren, mit
fatalen Folgen für deren Pünktlichkeit und
Zuverlässigkeit. Als Lösung präsentierte Peter
Buchner in Wannsee eine gemeinsam mit
Knorr Bremse entwickelte Heizung für die
Besandungsanlage. Ihm war es immer wichtig,
nicht mit Allgemeinplätzen, sondern mit
konkreter Anschauung zu argumentieren.
Und so kletterte er unter einen der abgestellten
Züge, um den Journalisten möglichst genau
die technische Lösung zu erklären. Auf
die Frage, ob er in den nächsten Tagen wieder
Adventskalender an die oft frustrierten
S-Bahn-Kunden verteilen will, kam von ihm
sofort ein klares Ja. „Verstecken macht es
ja nicht besser“, sagte er damals. Probleme
nicht verheimlichen, sich auch in schwierigen
Situationen den Fahrgästen stellen, das
war Buchners Credo. Mich erinnert bis heute
ein Säckchen mit S-Bahn-Bremssand an diesen
legendären Pressetermin.
Jenny Zeller-Grothe, BVG-Vorstand Personal und Soziales:
Peter war für mich einer der Menschen, die
man nie vergisst – klar im Denken, warm
im Herzen, stark in Krisenzeiten. Während
unserer gemeinsamen Zeit bei der S-Bahn
durfte ich seine Geduld, seine Entschlossenheit
und seine Fähigkeit erleben, andere zu
stärken. Er hat Spuren hinterlassen, die weit
über die Arbeit hinausreichen. Die Lücke, die
er hinterlässt, ist groß, aber die Erinnerung
an ihn bleibt lebendig und trägt weiter. Ich
bin dankbar für jeden Moment, den wir teilen
durften.
Jens Wieseke, ehemaliger Sprecher des Berliner Fahrgastverbands IGEB:
Selbst als langjähriger Pressesprecher macht
man Fehler. Und da gab es dann Menschen,
die gerade zu beleidigt reagierten, wie man
es denn wagen könnte …
Peter war da anders.
Im Sommer 2020 bei einem unserer regelmäßigen
Treffen zwischen der Geschäftsführung
der S-Bahn und den verkehrspolitischen
Verbänden sagte Peter Buchner, dass
man jetzt endlich damit beginnen könnte,
die Lokführer für die Fahrten zum neuen
Flughafen BER zu schulen.
Daraufhin machte ich etwas vorschnell
auf Twitter die Meldung, Peter Buchner
würde das Eröffnungsdatum des Flughafens
kennen. Das konkrete Datum kannte Peter
allerdings auch nicht.
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| 2014. Foto: Peter Haag |
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Statt übel zu nehmen, sagte er in einem
Gespräch, es wäre nur anstrengend gewesen,
die Journalisten davon zu überzeugen,
dass er das genaue Datum auch nicht wissen
würde. Er lachte dabei und sagte: Machen
Sie das bitte nicht noch einmal. Und das
ohne jeden Groll oder Ärger.
Jörg Matzat, Senior Referent Siemens Mobility:
Als ich Peter Buchner zum ersten Mal traf,
war ich gerade frisch als Regionsleiter Ost
bei Siemens Verkehrstechnik gestartet.
Von seiner großen Leidenschaft für die
Berge und die Schweiz hatte ich schon gehört.
Da ich selbst eine große Liebe zu Griechenland
habe, kam mir eine Idee: Warum
nicht gleich beim ersten Treffen ein kleines
Zeichen setzen? Ganz seiner Vorliebe verabredeten
wir uns im
Biergarten Weihenstephan
am S-Bahnhof
Lichterfelde. Ich
war etwas früher da
und dekorierte die
Stühle – eines mit
einem Handtuch
in den Farben der
griechischen Flagge,
das andere mit dem
Schweizer Kreuz.
Als Peter ankam,
grinste ich und eröffnete
das Treffen mit
den Worten:
„Damit ist klar, wer
wo sitzt.“
Peter brach in
sein legendäres, langes
und herzliches
Lachen aus. Ein Lachen,
das nicht nur
den Biergarten erfüllte,
sondern auch
sofort alle Distanz
verschwinden ließ.
In diesem Moment
wusste ich: Hier sitzt
ein Mensch, der nicht
nur Berge liebt, sondern auch das Leben.
Peter wird für mich immer dieser warmherzige,
humorvolle Mensch bleiben, der
mit einem Lachen Brücken
baut. Und genau so möchte
ich ihn in Erinnerung behalten.
Sven Heinemann, Verkehrspolitiker der Berliner SPD:
Im Jahr 2014 besuchten
Peter Buchner und ich die
historische Sammlung der
BSW Gruppe Bahnstromanlagen
der Berliner S-Bahn
am Markgrafendamm am
Ostkreuz. Die Vorführung
des Quecksilberdampf-
Gleichrichters kam uns gar
nicht geheuer vor. Wir haben
danach an der frischen
Luft herzlich gelacht, dass
wir trotz der alten Technik
nochmal ohne Schaden davongekommen
sind.
Nicolas Šustr, Pressesprecher BUND Berlin, Journalist:
Eine Freundin verwechselt
gerne U- und S-Bahn.
Für Peter Buchner war das
Ansporn, historisch herzuleiten,
warum es sich um
ganz andere Verkehrsmittel
handelt. „Wissen Sie,
die U-Bahn stammt letztlich von der Kutsche
ab, während die Urahnin der S-Bahn
die Dampflokomotive ist. Daraus hat sich die
Königin der Eisenbahn, die Berliner S-Bahn,
entwickelt.“ Freudiges Lachen. Falls sie einen
Job suche könne sie sich jederzeit als
S-Bahn-Fahrerin bewerben, sagte er gleich
im Anschluss.
Hans-Christian Kaiser, ehemaliger U-Bahn-Chef der BVG:
U-Bahn und S-Bahn bilden das Grundgerüst des öffentlichen Verkehrs der Hauptstadt.
Beide Stadtschnellbahnen müssen dafür
stabil funktionieren. Wenn eine der beiden
wackelt, wird das Gerüst instabil, wird die
andere der Bahnen mehr belastet, möglicherweise
überlastet.
Peter Buchner hat mit der Wiederherstellung
der S-Bahn dem Gesamtkonstrukt den
notwendigen Halt zurückgegeben. Damit
hat er auch der U-Bahn sehr geholfen.
Für Peters fachlich fundierte und menschlich
außerordentlich angenehme kollegiale
Zusammenarbeit bin ich ihm sehr dankbar.
Er hat sich damit um die S-Bahn und auch
die U-Bahn verdient gemacht.
Christfried Tschepe, Vorsitzender des Berliner Fahrgastverbands IGEB:
Peter Buchner hatte die außergewöhnliche
Fähigkeit, das Unternehmen S-Bahn, seine
S-Bahn, mit freundlicher Autorität und großer
Wertschätzung für die Mitarbeiter und
Fahrgäste zu führen – und war damit überaus
erfolgreich. Berlin und Brandenburg haben
ihm viel zu verdanken. IGEB Berliner Fahrgastverband
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