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| Boxhagener Straße, Februar 2025. Foto: Florian Müller |
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Schon im Jahre 2002 war die Rede davon,
dass die Gleise in der Boxhagener Straße
von Grund auf erneuert werden müssten.
An ausreichend Vorbereitungszeit hat es
also nicht gemangelt. Dennoch ließen es die
Verantwortlichen bei BVG und Politik lieber
darauf ankommen, sehenden Auges in ein
mehrjähriges Stilllegungsszenario mit ungewissem
Ausgang zu schlittern. Denn der als
Alibi herbeizitierte Trassenneubau durch die
Sonntagstraße ist auch nach mehr als drei
Jahrzehnten Projektierung dank der fünften
Auslegung der Planfeststellungsunterlagen
nach wie vor ungewiss. Immer wieder werden
von Anwohnern und Betroffenen neue
Gründe ins Spiel gebracht, den überfälligen
Spatenstich zu verhindern.
Aktuell ist der so genannte zweite Rettungsweg
der Erisapfel, der für weitere
Verzögerung sorgt. Die Feuerwehr befürchtet,
dass die Oberleitungen ihr ins Gehege
kommen könnten, sollte eine Drehleiter vor
Ort zum Einsatz kommen. Diverse Varianten
wurden in jüngster Vergangenheit diskutiert,
von denen der Feuerwehr offensichtlich
keine so richtig genügen will. Sogar eine
höhenverstellbare Oberleitung und eine
Konstruktion, die das seitliche Verschieben
des Fahrdrahtes erlauben würde, waren bereits
im Gespräch.
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| Haltestelle Neue Bahnhofstraße, Boxhagener Straße, Februar 2025. Foto: Florian Müller |
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| Statt neuer Gleise durch die Sonntagstraße endet künftig die Linie 21 an der Marktstraße. Bis zur Holteistraße muss in die Buslinie 240 umgestiegen oder gelaufen werden. Foto: Christian Linow |
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| Unterbrochen: Alte Strecke außer Betrieb, neue Strecke noch nicht gebaut. Die Linie 21 ist in der Boxhagener Straße stillgelegt, die Gleise werden aber noch für Betriebsfahrten genutzt. Grafik: Holger Mertens, Kartengrundlage: OSM |
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| Künftig abgehängt von Friedrichshain ist Rummelsburg. Statt das Ostkreuz zu erreichen, ist für die Straßenbahnlinie 21 bereits eine Haltestelle weiter an der Marktstraße Schluss. Durchgehende Fahrten sind allenfalls Überführungen vorbehalten. Foto: Christian Linow |
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| Der geplante Straßenbahn-Haltestellenbereich unter der Ringbahnbrücke am Bahnhof Ostkreuz wurde im September 2025 gepflastert, ohne Berücksichtigung von Gleis und Bahnsteig – offenbar für längere Zeit gedacht. Die Sandfläche ist seit ca. 10 Jahre als Baustelleneinrichtungsfläche wenig genutzt und abgesperrt. Foto: Florian Müller |
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Das erstaunt insofern, als man anderswo
in Deutschland zwar dieselben Probleme
hat, sie jedoch kreativ löst. In Düsseldorf
beispielsweise setzt man auf ein simples
Verfahren, wie Rheinbahnsprecherin Katharina
Natus schon vor geraumer Zeit erläuterte:
„Im Einsatzfall der Feuerwehr im
Bereich von Fahrleitungsanlagen wird unsere
Technische Schaltwarte informiert, die
dann in dem betroffenen Streckenabschnitt
den Fahrstrom abschaltet. Die Feuerwehr ist
mit Spannungsprüfern und Erdungsstangen
ausgestattet, sodass sie eigenständig die
Spannungsfreiheit feststellen und die Anlage
erden könnten.“
Eine technische Alternative dazu gibt es in
Ratingen. „Hier haben wir bauliche Erdungskurzschließer
in Form eines Handschalters
realisiert, die von der Feuerwehr bedient
werden können – inklusive einer Sicherung
gegen unbeabsichtigtes Wiedereinschalten.
Nach Erdung ist die Abstandseinhaltung
zu den spannungsführenden Teilen nicht
mehr relevant. Hier wäre dann lediglich
zu prüfen, ob der Feuerwehrkorb physisch
zwischen den Elementen der Fahrleitung
hindurchkommt. Im größten Notfall könnte
die Fahrleitung dann noch vor Ort durch die
Feuerwehr abgeschnitten werden.“
Statt das Problem wie in Düsseldorf praktisch
anzugehen, brüten die Beteiligten hierzustadt
im Elfenbeinturm lieber über einer
praxisfernen, technikgeschwängerten Alternative.
Wertvolle Zeit ist dadurch verloren
gegangen und ein Baubeginn immer weiter
in die Ferne gerückt.
Trotzdem haben Senat und BVG unbeirrt
darauf gesetzt, mit der 1,8 Kilometer
langen Neubaustrecke den verschlissenen
Abschnitt ersetzen zu wollen. Ein Plan, der
gehörig schief ging, wie man an der Einstellung
der Linie zwischen Holteistraße und
Marktstraße sehen kann. Noch dazu wäre
letztere überhaupt nicht nötig, weil die Gleise
für Überführungsfahrten betriebsfähig
erhalten bleiben. Vielmehr wäre eine Notinstandsetzung
der maroden Schienen angezeigt,
um auch weiterhin mit Fahrgästen
besetzte Züge verkehren lassen zu können.
Insidern zufolge dürfte das nicht mehr als
eine halbe Million Euro kosten. Zweifellos
Gehrenseestraße bereitwillig in die Hand
nahm, obwohl auch dort eine kurze Neubaustrecke
entstehen soll, die sich gegenwärtig
genauso wie die am Ostkreuz in der
Planfeststellung befindet.
Einen regulären Ersatzverkehr wird es übrigens
nicht geben, die Buslinie 240 soll die
Lücke künftig schließen.
Ungeachtet dessen kommen Fahrgäste
bis mindestens Mitte Dezember in den Genuss
eines ausgedehnten Schienenersatzverkehrs.
Vom Bersarinplatz bis zum Hegemeisterweg
bzw. bis zum Blockdammweg
während der zweiten Etappe fahren Busse
statt Bahnen. Auf Höhe des S-Bahnhofs
Rummelsburg arbeitet die BVG an einer Weiche
und erneuert darüber hinaus die Straßenüberfahrten
in der Köpenicker Straße.
Des Weiteren erhalten die Gleise in der Ehrlichstraße
eine notdürftige Auffrischungskur.
All das in von Fahrermangel geprägten
Zeiten, wo die BVG seit 2023 im Busbereich
6% weniger Leistung als ursprünglich geplant
erbringt und selbst davon nicht alles
zuverlässig fährt.
Signal, und sie steht stellvertretend für
die orientierungslose Verkehrspolitik eines
Senats, der falsche Prioritäten setzt und vor
allem in Sachen Demontage glänzt, was
sich bedauerlicherweise nicht bloß auf den
Abriss von Autobrücken beschränkt. Der
21.11.2025 darf nicht als letzter Betriebstag
in die Geschichtsbücher einer durchgehenden
Linie 21 für die nächsten Jahre eingehen.
Es muss das Interesse von Verkehrssenatorin
Ute Bonde höchstpersönlich sein, an der
Sonntagstraße rasch die Baureife zu erlangen,
ohne eine Unterbrechung der Straßenbahn
hinzunehmen. (Christian Linow) Berliner Fahrgastverband IGEB
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