Nahverkehr

Die L-Bahn

Trübes Licht sickerte vom Flur in das Büro. Auf der Milchglasscheibe der Tür waren in Spiegelschrift die Worte „IGEB-Sonderermittlungen” zu erkennen. Im Büro herrschte Ruhe. Nur der Ventilator an der Decke drehte sich geschäftig. „Irgendwie nichts los heute”, ertönte die Stimme von Sculder. Er hing lässig im Drehsessel und hatte die Beine auf den Schreibtisch gelegt. „Stimmt”, entgegnete Mully. Nach einer gedehnten Pause fügte sie hinzu: „Aber wie ich diese Stadt kenne ... Irgendwas passiert bestimmt noch, jemand dreht immer durch.”

"Na, ich werd' mich mal um die Ablage kümmern." Mit diesen Worten knüllte Sculder zwei Pressefaxe des Verkehrssenators, auf denen dieser die 'Auflösung des Staus' und Vorrang für den ÖPNV' verkündete, zusammen und beförderte sie mit kühnem Schwung in den Papierkorb. In diesem Moment verdunkelte ein Schatten das Licht im Flur und ein Umschlag wurde unter der Tür durchgeschoben. "Na bitte, Sculder was hab' ich gesagt... Mal sehen, was das wieder ist."

Im Umschlag befand sich lediglich eine Tonbandkassette. Mully schob die Cassette in den Recorder und drückte auf die Wiedergabetaste. "Guten Tag! Vor 10 Minuten hat unsere Telefonzentrale diesen Anruf erhalten." Es ertönte kurzes Rauschen, dann erfüllte eine krächzende Stimme den Raum: "Hier ist der automatische Anrufbeantworter von Klaus-Rüdiger L. [Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes von der Redaktion gekürzt]! Dies ist ein anonymer Anruf, darum habe ich meine Stimme verstellt. Ich bin der größte Verkehrsexperte der Stadt und habe den Stein der Weisen entdeckt. Wenn Sie mehr wissen wollen, kommen Sie zum Potsdamer Platz, Debis-Gebäude. Kommen Sie allein und unbewaffnet!" Dann rauschte es wieder, bevor die Stimme ihres Auftraggebers ertönte. "Eigentlich wollten wir nicht eingreifen, aber Sie kümmern sich ja um zweifelhafte Geschichten. Vielleicht steckt ja mehr dahinter. - Dieses Band wird sich in zehn Sekunden selbst zerstören. Zehn. Neun. Acht..."

Minuten später saßen Sculder und Mully in der U-Bahn. Dank zahlloser Langsamfahrstellen auf der U2 hatten die beiden Agenten genügend Zeit, daß Dossier von L. zu studieren. "Er tritt zusammen mit Klaus B. seit April diesen Jahres regelmäßig im berühmten verkehrspolitischen Komikerduo Klaus & Klaus auf." "Ja, und hier steht, daß er Rot sieht, wenn er den Begriff 'Öffentlicher Nahverkehr' hört, und beim Wort 'Straßenbahn' treten Krämpfe auf. Mully, wir müssen sehr vorsichtig sein."

Auf dem Dach des Debis-Würfels wehte ein schneidender Wind. Klaus-Rüdiger L. stand dort am Rand des Kamins und hielt seine Nase in die Abluft des Autotunnels. Als er Sculder und Mully kommen hörte, nahm er noch eine kräftige Prise. Dann drehte er sich um. "Ah Agents, guten Abend, schön daß sie es ermöglichen konnten" Er wies mit der Hand hinter sich: " Das sollten Sie auch einmal probieren. Es weitet den Blick, alles schillert und sieht so bunt aus. Es hilft mir, mit den Geistern der Ahnen in Kontakt zu treten. - Ich habe die Stimmen der toten Verkehrsplaner dieser Stadt gehört."

"Aha", sagte Sculder langsam und drehte sich zu Mully um. "Er steht mit den Geistern der Toten in Verbindung, sagt er."

"Und was sagen Sie Ihnen, die Stimmen?"

"Sie sagen, daß eine Straßenbahn vom Alex zum Potsdamer Platz dringend nötig ist. - Aber ich verabscheue Schienen. Es sei denn, sie verlaufen im Tunnel und ich muß sie nicht sehen! Und einen Tunnel können wir uns jetzt nicht leisten" -"?!!!"- "Deshalb fordere ich hier und - und auch die Zwischenrufe der Damen und Herren von den billigen Oppositionsbänken können mich nicht davon abhalten - jetzt die Erfindung eines weiteren Verkehrsmittels: eine Straßenbahn ohne Schienen und Oberleitungen!"

"Sculder, haben Sie eine Ahnung, was hier vorgeht?"

"Er glaubt offenbar, er ist im Abgeordnetenhaus. - Sie wollen also eine Straßenbahn ohne Schienen und Oberleitungen?!"

"Ja, genau, kostenlose Elektrobusse wären nett... Die hab' ich in Denver gesehen."

"Na, ist ja entzückend! Wissen Sie, daß wir in Berlin keine neuen Spielzeuge, sondern Lösungen für Probleme brauchen?" "Das ist mir egal. Ich b'ezahl' das nicht, ich fahr' auch nicht damit. Aber ich will Elektrobusse." Dann stampfte Klaus-Rüdiger L. zornig mit dem Fuß auf.

Sculder trat an die Brüstung und blickte nach unten. Er war erschüttert und dachte an das, was nun wieder vor ihnen lag. Wie konnten sie nur verhindern, daß diese rückwärtsgewandten Pläne Wirklichkeit werden?

Akte Y
Die ungelösten Fälle des Berliner Fahrgastverbandes

aus SIGNAL 8-09/1998 (November 1998), Seite 6

 

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