Gute Idee – schlecht umgesetzt

Seit dem Fahrplanwechsel verkehrt der Mittelhessen-Express

Zum Fahrplanwechsel am 10. Dezember hat der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) unter dem Slogan „Mittelhessen bekommt Flügel“ sein Mittelhessen-Konzept umgesetzt. Es verbindet die Städte Treysa, Marburg, Dillenburg und Wetzlar sowie alle Zwischenstationen über Gießen und Friedberg direkt mit dem Frankfurter Hauptbahnhof.

Liniennetz Mittelhessenexpress
Linienkonzept Mittelhessenexpress. Zeichnung: J. Lerch

Kernstück des neuen Angebotes ist der Mittelhessen-Express, der werktags stündlich die neuen Endhalte in Dillenburg und Treysa verlässt, in Gießen zu einem Zug gekuppelt wird und dann als StadtExpress mit Halten in Butzbach, Bad Nauheim, Friedberg und Frankfurt West zum Frankfurter Hauptbahnhof fährt.

Der hessische Fahrgastverband Pro Bahn & Bus (Mitglied im Deutschen Bahnkundenverband) betrachtet das neue Fahrplankonzept als entscheidende Verbesserung für die kleineren Städte und Gemeinden an der Dill sowie im Gießener und Marburger Land, denn sie erhalten erstmals Direktzüge nach Frankfurt. Die Flügelzüge empfindet der Verband gerade vor dem Hintergrund knapper Kassen als deutliche Innovation, denn durch die gemeinsame Fahrt der beiden Zugteile von Gießen nach Frankfurt und zurück werden Personal- und Trassenkosten gespart. Solche Flügelzüge werden von engagierten Fahrgästen auch für andere Strecken seit langem gefordert.

Leider zeigen sich bei der Umsetzung des Konzepts erhebliche Mängel, wie zahlreiche Fahrgastbeschwerden und Erfahrungen von Mitgliedern des Fahrgastverbandes ergaben.

Verbesserungsbedürftig sind vor allem die Fahrzeuge der Baureihe ET 425. Die Sitze sind viel zu hart, Armlehnen wie Kopfstützen fehlen und für Gepäck gibt es oft keine Ablagen. Die Federung des Fahrzeugs selbst ist eher „sportlich“ und die Abfallbehälter klappern im Rhythmus mit. Der Ein-/Ausstieg an niedrigen Bahnsteigen ist für Ältere und Gehbehinderte wegen einer fehlenden ausfahrbaren Trittstufe schwierig. Man kann den Unmut der Fahrgäste verstehen, die trotz schlechtem Fahrzeug für diese Leistung nach der jüngsten RMV-Preiserhöhung fast 6% mehr bezahlen müssen!

Damit einher geht auf der Strecke Friedberg— Gießen auch ein Abbau des Regionalbahnverkehrs. Verkehrten früher in zwei Stunden jeweils drei Regionalbahnen zwischen Friedberg und Gießen, sind es jetzt nur noch je zwei. So besteht zwischen Butzbach und Langgöns oder Großen-Linden nur noch eine Fahrmöglichkeit pro Stunde. Ebenso bleibt fraglich, warum die RE-Züge von Frankfurt nach Siegen nicht mehr in Butzbach halten, aber in Langgöns und Großen Linden einen Stopp einlegen.

Was sollte man für die Zukunft verbessern? Zuerst das Fahrzeug. Mit dem einstöckigen Triebwagen ET 425 vergraulen RMV und Deutsche Bahn die zahlreich vorhandenen Fahrgäste. Die Fahrzeuge wurden nach massiven Fahrgastbeschwerden in einigen deutschen Regionen bereits wieder durch ältere, aber komfortablere Wagenzüge ersetzt. Der als ÖPNV-freundlich geltende Landrat des Wetteraukreises, Rolf Gnadl, äußerte anlässlich der Eröffnungsfahrt die Idee, doppelstöckige Triebwagen einzusetzen.

Schneller und kostengünstiger könnten nach Meinung von Pro Bahn & Bus aber die vorhandenen Doppelstockgarnituren mit automatischen Kupplungen versehen werden. Nur am Steuerwagen und an der Lok angebracht, könnte man damit genauso schnell kuppeln wie mit den ungeliebten einstöckigen Elektrotriebwagen. In der Schweiz funktioniert so die S-Bahn in Zürich hervorragend, ebenso der Regionalverkehr in Rom.

Allerdings müsste der RMV schnellstmöglich Klarheit schaffen, welches Verkehrsunternehmen in Zukunft den Mittelhessen- Express betreiben wird. Nur dann kann die Deutsche Bahn oder eine private Bahngesellschaft umgehend mit der Umrüstung geeigneter Züge beginnen. Als Sofortmaßnahme fordert Pro Bahn & Bus, alle verfügbaren Triebwagen in den Pendlerzügen einzusetzen. Stehplätze sind im Regionalverkehr nicht zu akzeptieren.

Verständnis zeigt Pro Bahn & Bus dagegen für die kurze Wartezeit beim Kuppelvorgang in Gießen. Hier gilt „Sicherheit zuerst“ – das Verfahren ist auch in anderen Regionen erprobt und wird von den Fahrgästen akzeptiert.

Pro Bahn & Bus im DBV

aus SIGNAL 1/2007 (Februar/März 2007), Seite 23

 

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