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Alle Jahre wieder - Erneut Winter-Chaos bei der Berliner S-Bahn

Als in der Nacht vom 1. zum 2. Dezember in Berlin und Brandenburg rund 10 cm Schnee fielen, brach der S-Bahn-Verkehr wieder einmal zusammen. Es dauerte Tage, bis der ohnehin eingeschränkte Fahrplan im Wesentlichen wieder gefahren werden konnte. Sofort kamen die Erinnerungen an den Januar 2009 sowie an den Winter 2009/2010, als die Berliner S-Bahn ebenfalls massive Probleme hatte, auch nur ein Mindestangebot zu fahren...

S-Bahn
Aufgetaute Weiche in Tempelhof. Doch allzu oft versagten die Weichenheizungen und behinderten den Fahrbetrieb der S-Bahn massiv.
Voller Bahnsteig
Gedränge in Ostkreuz. Besonders chaotisch waren nach dem Wintereinbruch wieder die Zustände auf dem Ring. Hier wurde das Zugangebot halbiert. Dadurch waren die Züge so überfüllt, dass kein Taktverkehr mehr möglich war.
Zugzielanzeiger
Fotos: Florian Müller und Matthias Horth

Dabei hatte die S-Bahn GmbH doch erst im Oktober versprochen, dass sie auf den Winter 2010/2011 viel besser vorbereitet sei und sich ein Chaos wie in den Vorjahren nicht wiederholen werde. Offensichtlich unterschätzt hat sie dabei das Problem der täglichen Bremssandkontrolle unter winterlichen Bedingungen. Falsch eingeschätzt hat die S-Bahn GmbH aber vor allem die Leistungsfähigkeit von DB Netze.

Das Infrastrukturunternehmen war nicht in der Lage, das Einfrieren von fast 70 Weichen zu verhindern. Dadurch war die S-Bahn GmbH nicht nur im Linienbetrieb massiv behindert, sondern konnte ihre Züge auch nicht auf die Gleise fahren, auf denen allein die Bremssandkontrollen durchgeführt werden können. Nach Angaben von DB-Mitarbeitern lag das nicht vorrangig am zugegebenermaßen extremen Wetter, weil der Schnee bei Temperaturen um Minus 10 Grad fiel, und auch nur bedingt am Fehlen von ausreichend Personal, sondern an der reduzierten Leistungsfähigkeit der Weichenheizungen. Diese soll bei neuen Weichen im Netz der DB seit 2006 und im Netz der Berliner S-Bahn seit 2008 halbiert worden sein.

Dass beim letzten Zusammenbruch der Berliner S-Bahn vor allem der Infrastrukturbetrieb versagt hat, lässt auch die Diskussionen um die Zukunft der S-Bahn GmbH noch einmal in einem neuen Licht erscheinen. Was nützt es, den Fahrbetrieb durch Ausschreibung oder Übernahme in BVG-Regie in neue Hände zu geben, wenn der Infrastrukturbetreiber versagt?

Nun scheint das Vorhaben der Stadtentwicklungssenatorin, ein Drittel des S-Bahn-Verkehrs nach 2017 durch Ausschreibung zu vergeben, zwar kaum noch aktuell, nachdem der Berliner SPD-Landesparteitag im November die Ausschreibung einzelner Strecken abgelehnt hat, aber ein S-Bahn-Betrieb durch die BVG wurde vom Parteitag ausdrücklich als eine Option beschlossen.

Der Berliner Fahrgastverband IGEB hält einen Monopolbetrieb, der im Raum Berlin vor S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn und Bus verantwortlich ist, für die falsche Lösung. Im Übrigen zeigen die anhaltenden massiven Probleme im Fahrbetrieb der BVG, dass auch dieses Unternehmen noch sehr viele Hausaufgaben erledigen muss, bevor es zusätzliche Aufgaben übernehmen könnte.

Das jüngste S-Bahn-Chaos hat die Suche nach einer Lösung für die Zukunft der Berliner S-Bahn noch schwerer gemacht. Zum einen wurde deutlich, dass es nicht reicht, die Verantwortung für den Betrieb zu haben, auch die Infrastruktur muss regionalisiert werden. Zum anderen wurde deutlich, dass es den integrierten Konzern Deutsche Bahn und die damit versprochenen Vorteile gar nicht gibt. Und schließlich müsste inzwischen eigentlich allen klar sein, dass die Fahrgäste auch mit einer BVG-geführten S-Bahn nicht besser bedient würden. Was bleibt? Eine Möglichkeit wäre, sich darauf zu konzentrieren, die grundlegenden Fehler der Eisenbahnstrukturreform von 1993 zu beseitigen. Vielleicht ist es sogar der einzige gangbare Weg für eine Zukunft der Berliner S-Bahn.

Berliner Fahrgastverband IGEB

aus SIGNAL 6/2010 (Dezember 2010/Januar 2011), Seite 4

 

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