Nahverkehr

Potsdamer ÖPNV nicht kaputtsparen!

4,5 Mio. DM jährlich sollen beim Potsdamer ÖPNV eingespart werden, wenn die Vorschläge eines von den Stadtverordneten in Auftrag gegebenen Gutachtens Wirklichkeit werden. Die Gutachter, Berliner Verkehrsplaner (IVU), wollen zwar den Potsdamer ÖPNV nicht seiner Attraktivität berauben, kommen bei ihren Vorschläge jedoch nicht ohne Verschlechterungen ans Ziel. Auf der öffentlichen Tagung Praxis und Perspektive des ÖPNV in der Landeshauptstadt Potsdam stellten sie Ende September ihre Untersuchung vor.

Von den Vorschlägen der Gutachter stieß letztlich nur einer auf Wohlwollen: vorhandener Parallelverkehr von Bussen und Bahnen muß, soweit möglich, abgebaut werden; insbesondere für den ab Dezember von der Straßenbahn erschlossenen Nordwesten der Stadt müssen Lösungen kurzfristig gefunden werden.

Zu den weiteren Sparvorschlägen der Gutacher, die auch zu Einschränkungen des Tramverkehrs führen sollen, hat der Deutsche Bahnkunden-Verband, Regionalverband Potsdam-Mittelmark eine kritische Haltung bezogen. Auch wenn die Auslastung der Straßenbahn auf dem Ast zwischen Holzmarktstraße und Glienicker Brücke unbefriedigend ist, wäre die Umstellung auf Busbedienung das falsche Signal. Außerdem wären 2,6 Mio. DM Fördermittel zurückzuzahlen, da die Strecke erst Anfang der 90er Jahre rekonstruiert worden ist.

Straßenbahn
Sorgenkind der Potsdamer ist die Straßenbahn-Linie 93 zur Glienicker Brücke. Foto: Frank Böhnke

Die Straßenbahn muß, so haben es auch die Kommunalpolitiker stets bestätigt, das Rückgrat des ÖPNV bleiben bzw. werden. Deshalb muß anstelle vorgeschlagener Angebotsreduzierungen alles getan werden, um eine bessere Auslastung des vorhandenen Angebots zu erreichen. Dazu gehören solche im Gutachten nicht berücksichtigten Mittel wie der verstärkte Einsatz von Ampel-Vorrangschaltungen und Busspuren, aber auch die bessere Fahrgastinformation.

Die Straßenbahn-Netzoptimierung ist bereits „am Ende der Fahnenstange" angekommen. Weitere Einschränkungen, auch in Erwägung gezogene, im Gutachten nicht vertiefte drastische Einschränkungen im Abend- und Nachtverkehr bis hin zur völligen Einstellung müssen abgelehnt werden. Sie wären der Anfang vom Ende des ÖPNV in Potsdam.

Hinterfragt werden müssen auch die in einigen Teilen durchaus nachvollziehbaren Vorschläge zur Optimierung des Busnetzes. Eigene Untersuchungsergebnisse des Regionalverbandes zum Problem der „weißen Flecken in Potsdam" wurden in eine der Abteilung Verkehrsplanung des Stadtplanungsamtes kurzfristig übergebene erste Bewertung des Gutachtens eingearbeitet. Gerade in den „weißen Flecken" liegen noch beträchtliche Nachbesserungspotentiale, um eine tatsächlich kundenornieentierte Angebotsoptimierung zu erreichen. Insbesondere für den Raum Babelsberg sind hierbei noch weiterreichende Überlegungen notwendig, um zu einer dauerhaft befriedigenden Lösung zu gelangen. Künftige Planungen, wie die Medienstadt-Tram, sind dabei unbedingt zu berücksichtigen. Generell ist die Straßenbahn künftig noch stärker als Rückgrat des städtischen ÖPNV zu würdigen.

In Ergänzung dazu sollte das Konzept des Quartierbusses stärker als im Gutachten verfolgt werden. Bei der bevorstehenden Erneuerung der Busflotte der ViP sollten diese Überlegungen bereits berücksichtigt werden, indem mehr kleinere Fahrzeuge bestellt werden.

Letztlich haben die Gutacher ihre Vorschläge selbst ad absurdum geführt, denn sie rechnen als Konsequenz ihrer Vorschläge selbst mit dem jährlichen Ausfall von 300.000 DM Erlösen, der aus einem selbst zugegebenen (und sicher weiter zu hinterfragenden!) Fahrgastrückgang von 1,1 Prozent resultiert. Und sie geben zu, daß Fahrgäste öfter umsteigen müssen. Auch das steht in Widerspruch zu ihrer Prämisse, keine wesentlichen Attraktivitätseinschränkungen zuzulassen.

Fazit

Die Vorschläge sind zum allergrößten Teil entweder nicht neu oder einfach nicht realisierbar - es sei denn, der Tod des anerkanntermaßen guten Potsdamer ÖPNV-Systems ist anvisiert. So bleibt zu hoffen, daß das Gutachten bei der anstehenden Fortschreibung des Potsdamer Nahverkehrsplans keine große Rolle erhält. Der Regionalverband wird die Entwicklung aufmerksam und kritisch verfolgen und sich weiterhin für fahrgastfreundliche Lösungen an der durch das Gutachten neu belebten Diskussion aktiv beteiligen.

Deutscher Bahnkunden-Verband, Regionalverband Potsdam-Mittelmark

aus SIGNAL 7/1999 (November 1999), Seite 10

 

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