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Unverantwortliche Einschränkungen auch beim Fahrplan der Berliner S-Bahn

Während die massiven Einschränkungen im Fahrplan-Angebot der BVG in der Öffentlichkeit lebhaft diskutiert und kritisiert wurden, merkten nur wenige, daß die Deutsche Bahn AG den S-Bahn-Fahrgästen seit dem Fahrplanwechsel am 29. Mai ähnliche Unverschämtheiten zumutet. Wer von Sonntag- bis Donnerstagabend spät nach Berlin zurückkehrt oder sich bis Mitternacht in der Innenstadt vergnügt (was in Berlin ja nicht schwer fällt), der kommt mit der S-Bahn nicht mehr nach Hause!

Der Berliner Fahrgastverband IGEB bewertet die Angebotseinschränkungen bei der S-Bahn sogar noch negativer als diejenigen bei der BVG, weil die BVG für den Weg ab der City wenigstens für einen großen Teil ihrer Fahrgäste akzeptable Nachtbusangebote bereithält. Wer aber die letzte S-Bahn nach Oranienburg oder Strausberg verpaßt hat, kann weder laufen noch einen Bus benutzen, sondern muß 50 bis 70 DM für ein Taxi ausgeben. Und durch solche Erfahrung verärgerte Fahrgäste werden beim nächsten Mal, wenn irgend möglich, mit dem Auto fahren.

Ein paar Beispiele:

  • Um mit der letzten S-Bahn nach Strausberg zu gelangen, mußte man bisher am Bahnhof Zoo um 0.24 Uhr und am Bahnhof Friedrichstraße um 0.35 Uhr einsteigen. Seit dem Fahrplanwechsel am 29. Mai ist die letzte Fahrmöglichkeit bereits um 23.38 Uhr ab Zoo und 23.48 Uhr ab Friedrichstraße -jetzt mit Umsteigen auf dem S-Bahnhof Warschauer Straße. Die S-Bahn-Fahrgäste müssen ihren Nachtbummel, ob in der West- oder Ost-City, nun also deutlich vor Mitternacht abbrechen.
  • Ähnlich einschneidend sind die Verschlechterungen auf der Strecke nach Königs Wusterhausen. Bisher reichte es, wenn man z.B. am Savignyplatz um 0.35 Uhr und am Hackeschen Markt um 0.50 Uhr in die S-Bahn stieg, um nach KW zu gelangen, jetzt ist die letzte Möglichkeit um 23.55 Uhr am Savignyplatz und um 0.11 Uhr am Hackeschen Markt.
  • Schlechter wurde auch das Angebot nach Potsdam. Der letzte Zug ist gestrichen worden, und die Züge davor verkehren nur noch ab Zoo. Wer von Berlin-Lichtenberg oder Berlin Hauptbahnhof ohne Umsteigen in die Landeshauptstadt gelangen will, muß den letzten durchgehenden Zug um 23.01 Uhr ab Lichtenberg (Hauptbahnhof ab 23.12 Uhr) erreichen. Für Reisende des EuroCity aus Prag und Dresden ist dies beispielsweise unmöglich, denn sie kommen erst um 23.26 Uhr in Berlin an.
  • Noch schlechter ergeht es den Reisenden, die mit dem "Flaggschiff" der Bahn, dem ICE um 0.10 Uhr am Bf Zoo eintreffen. Der Zug ist meist noch sehr gut besetzt, aber für diese Reisenden sind mehrere S-Bahnhöfe in Berlin und fast alle S-Bahnhöfe außerhalb Berlins nur noch per Taxi und nicht mehr mit der S-Bahn zu erreichen!

Vergleicht man das abendliche S-Bahn-Angebot Berlins mit München, so wird deutlich, wie unerträglich provinziell die Bahn in Berlin geworden ist. Käme der ICE um 0.10 Uhr nicht in Berlin Zoologischer Garten, sondern in München Hauptbahnhof an, dann könnten die Reisenden um diese Zeit noch alle (!) S-Bahnhöfe in München und seinem Umland (im Gegensatz zu Berlin ohne Umsteigen!) erreichen.

Die gravierenden Verschlechterungen bei der Berliner S-Bahn können auch nicht aufgewogen werden durch den verbesserten S-Bahn-Nachtverkehr in den Nächten Freitag/Sonnabend und Sonnabend/Sonntag. Die Konzentration des Angebotes auf die Wochenendnächte ist für eine Stadt mit Metropolenanspruch erbärmlich und wird vom Berliner Fahrgastverband IGEB entschieden abgelehnt. Bereits zum "kleinen Fahrplanwechsel" am 26. September erwartet der Fahrgastverband von der Deutschen Bahn AG eine Korrektur der jüngsten Fehlentscheidungen - im Interesse der Fahrgäste und der Stadt Berlin.

IGEB

aus SIGNAL 5/1994 (Juli 1994), Seite 9

 

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