Aktuell

Stadtbahn-Sanierung
Fahrgastverärgerung wäre zum Teil vermeidbar gewesen

Es ist soweit. Die Stadtbahn, Berlins längstes Baudenkmal ist Großbaustelle. Gearbeitet wird zwischen Hauptbahnhof und Zoo. Im September fuhren hier die letzten Fernzüge, im Oktober wurde die S-Bahn auf die Ferngleise geführt. Seither müssen die geplagten S-Bahn-Fahrgäste noch mehr Belastungen ertragen: drei S-Bahnhöfe wurden vollständig, ein vierter, Hackescher Markt, "nur" in Fahrtrichtung Westen geschlossen; und natürlich gibt es auch wieder jede Menge Pendelverkehr. Während die einen die umfassende Stadtbahnsanierung als "Bauen für die Zukunft" preisen, beklagen die anderen vor allem die neuerlichen Einschränkungen, zumal diese teilweise vermeidbar gewesen wären.

Sev Schild
Haltestelle "S-Bahnhof Bellevue", doch die S- Bahn soll hier erst 1996 wieder halten. Foto: Frank Lammers
Sev Haltestelle
Warten auf den S-Bahn-Ersatzverkehr am S-Bf Tiergarten. Foto: Frank Lammers
Viadukt
Hochverdichtet ist das Umfeld am S-Bf Bellevue. Am 29.10.94 wurden die Stationen Tiergarten und Bellevue stillgelegt, seit dem 31.10. verkehren die S-Bahn-Züge über die beiden Fernbahngleise. Weil die Bahn die Pläne, zumindest in Fahrtrichtung Osten Ersatzbahnsteige anzulegen, verwarf, haben Tausende von Einwohnern, Beschäftigten und Studenten im Umfeld der beiden S-Bahnhöfe für mindestens 16 Monate ihren attraktiven Schnellbahnanschluß verloren. Foto: Marc Heller
Aufgang
Foto: I. Schmidt
S-Bahn
Bereits am 15.10.94 wurden die S-Bf Hackescher Markt und Jannowitzbrücke geschlossen. Während Jannowitzbrücke mit Umsteigen auf die U8 erreichbar ist, wäre am Hackeschen Markt der wichtigste Umsteigeknoten zwischen Stadtbahn und Tram entfallen. Deshalb hat die DB AG hier zumindest in Fahrtrichtung Osten einen Ersatzbahnsteig gebaut (Bild oben), allerdings auch erst nach massiver öffentlicher Kritik. Interessant war zu sehen, daß ein solches Provisorium von der Entscheidung über die Planung bis zur Realisierung in rund einem halben Jahr fertiggestellt werden kann. Am 17. Oktober um 4.23 Uhr hielt der erste Zug am neuen Behelfsbahnsteig (Bild hier). Foto: Marc Heller
SEV Schild
Foto: Stefan Schnerr
SEV Bus
Foto: Stefan Schnerr
SEV Bus
Ersatzverkehr ist immer unattraktiv. Aber es wäre hilfreich gewesen, wenn die Bahn auf eine einheitliche Sprachregelung geachtet hätte. Foto: Frank Lammers
Stau
Foto: Marc Heller
Stau
Unattraktiv ist der Ersatzverkehr per Bus vor allem deshalb, weil die Busse tagsüber im Stau stehen (oben vormittags, hier nachmittags) und weil sie abends zu selten fahren. Foto: Stefan Schnerr
U-Bahn
Wegen der Stadtbahnsanierung weichen viele auf die U2 aus. Deshalb sind 8- statt 6-Wagen-Züge erforderlich. Foto: Thomas Billik
Schild
Foto: Udo Dittfurth
Auskunft
Aufgrund der massiven öffentlichen Kritik an den Bahnhofsschließungen reagierte die Bahn sehr gereizt (Bild oben). Umso eher hätte man größte Sorgfalt bei der von der Bahn zu verantwortenden Fahrgastinformation erwarten dürfen. Doch zwei Wochen nach der Schließung des S- Bahnhofs Jannowitzbrücke schickte der DB-Computer die Fahrgäste noch immer per S-Bahn dorthin, allerdings mit einem Umweg über den Bahnhof Friedrichstraßei?
Bahnsteig
Foto: Marc Heller
Bahnsteig
Oben: Provisorischer S-Bf Hackescher Markt mit Pendelverkehr Alexanderplatz - Friedrichstraße. Nach den Auseinandersetzungen um geschlossene Stadtbahnhöfe und nach schwer gestörten Betriebsabläufen aufgrund anfänglicher Signalstörungen bescherte die Bahn ihren Fahrgästen auch noch diese zunächst nicht geplanten Pendelverkehre. Anlaß war ein Munitionsfund, infolgedessen die Sicherheitsanforderungen so hochgeschraubt wurden, daß während der Arbeiten im Schotter nur noch ein Gleis zur Verfügung stand. Hätte es wirklich keine andere Lösung gegeben? Denn nun durften die Fahrgäste in Alexanderplatz, Friedrichstraße, Lehrter Bahnhof und Zoologischer Garten umsteigen. Bei vier statt 18 Zügen pro Stunde kam es auf der Stadtbahn erneut zu chaotischen Zuständen (siehe unten). Foto: Frank Lammers
Strecke
Vormittäglicher S-Bahn-Pendelverkehr auf der Stadtbahn. Blick auf den S-Bf Bellevue (hier) und in den S-Bf Alexanderplatz (unten). Foto: I. Schmidt
Bahnhof
Foto: I. Schmidt
Bahnsteig
Völlig unverständlich ist, daß die Bahn auch die Potsdamer mit den Auswirkungen der Berliner Stadtbahnsanierung belastet. Aufgrund der überwiegend eingleisigen Strecke zwischen Wannsee und Potsdam Stadt funktioniert der S-Bahn-Verkehr hier nur bei stabilem Fahrplan. Weil aber die fahrplanmäßigen Züge nach Potsdam von der Stadtbahn kommen, wirken sich die Berliner Störungen unmittelbar auf Potsdam aus. Statt im 10-Minuten-Takt fuhren die Züge zeitweise nur alle 20 bis 30 Minuten nach Potsdam. Daß es auch anders geht, hatten DR und BVG längst bewiesen. Die S1 fuhr über Wannsee hinaus nach Potsdam (Bild vom März 1993). Foto: Bernhard Strowitzki

Natürlich soll die Stadtbahn saniert, modernisiert, elektrifiziert werden. Das ist im Sinne der Reisenden und Fahrgäste. Dafür nehmen sie auch vorübergehende Unannehmlichkeiten und Einschränkungen in Kauf. Das Verständnis endet allerdings dort, wo offensichtlich wird, daß die Bahn ihren Fahrgästen Belastungen zumutet, die vermeidbar wären. Zu nennen sind hier vor allem die Schließung der S-Bahnhöfe Jannowitzbrücke, Hackescher Markt, Bellevue und Tiergarten. Der Berliner Fahrgastverband hat mehrfach aufgezeigt, daß es möglich ist, Behelfsbahnsteige zu bauen. In Fahrtrichtung Osten wäre dies ohne jede Einschränkung möglich gewesen, wie am einzigen realisierten Behelfsbahnsteig Hakkescher Markt zu sehen ist. Behelfsbahnsteige in Fahrtrichtung Westen hätten die Bauarbeiten der Bahn zwar verteuert und verlängert, aber der große Gewinn für tausende täglicher Fahrgäste hätte das nach IGEB-Auffassung gerechtfertigt, zumal die Verteuerungen sich in der Größenordnung der Kosten für den Schienenersatzverkehr per Bus bewegt hätten. Auch gibt es bei solchen Bauprojekten (zumal in Berlin) ohnehin immer Verzögerungen. Ein Verzug von einem Monat, bedingt vor allem durch einen Munitionsfund, ist bereits eingetreten.

Daß es wenigstens am Hackeschen Markt, dem wichtigsten Umsteigeknoten zwischen Stadtbahn und Tram, einen einseitigen Behelfsbahnsteig gibt, ist erst nach massivem öffentlichem Druck erreicht worden. Ursprünglich waren auch am S-Bf Tiergarten und am S-Bf Bellevue Bahnsteige für die Züge in Richtung Osten geplant worden, die dann mit Zustimmung der Senatsverkehrsverwaltung zugunsten des bedeutenderen Bahnhofs "geopfert" wurden. Dabei war insbesondere "Tiergarten" bis zur Schließung keineswegs schlecht frequentiert. Tausende nutzten täglich diese Station in einer ansonsten schlecht erschlossenen Gegend, um zur TU, zu den vielen Arbeitsplätzen beiderseits des Landwehrkanals, ins Wohnquartier zwischen Bachstraße und Spree oder auch zum beliebten Flohmarkt auf der Straße des 17. Juni zu fahren. Fast ebenso viele Arbeitsplätze und noch mehr Anwohner (darunter der Bundespräsident) sind im Einzugsbereich des S-Bfs Bellevue zu finden. Deshalb bemühten sich der Berliner Fahrgastverband und der Bezirk Tiergarten intensiv um eine akzeptable Lösung. Doch die Bahn zeigte sich völlig unflexibel.

Geboten wird den Fahrgästen seither als Ersatz für "Tiergarten" und Bellevue" lediglich ein Schienenersatzverkehr per Bus. Tagsüber wird zwar in annehmbarem Takt gefahren, aber mangels Busspuren sind die Fahrzeuge langsamer als nötig. Hierfür liegt die Verantwortung natürlich nicht bei der Bahn, sondern bei Berlins (Auto-) Verkehrssenator. Daß die Busse ab ca. 21 Uhr nur noch im 20-Minuten-Takt (oder richtiger: mit 20-minütigen Lücken) verkehren, ist aber allein eine Sache der Bahn.

Attraktiver als der SEV ist das Angebot am geschlossenen S-Bf Jannowitzbrücke. Die Fahrgäste werden hier auf die ab Alexanderplatz parallel verkehrende U8 verwiesen. Allerdings ist das Umsteigen am Alex unbequemer, und kurz nach Mitternacht fahren auf der U8 bereits die letzten Züge, dann gibt es auch hier SEV per Bus.

Immerhin ist wenigstens das Bemühen um hinreichende Kundeninformation zu erkennen. Die rechtzeitige Bereitstellung von Hinweisschildern, Info-Material und digitalen Sprachspeichern für die Bahnsteigaufsichten hat (überwiegend) geklappt. Ärgerlich sind aber die Darstellungen auf dem Berliner Schnellbahn-Liniennetz. So sind geschlossenen S-Bahnhöfe zwar durch Schwärzung besonders hervorgehoben worden, aber es gibt weder grafische noch textliche Hinweise, wie man sie erreichen kann. (Anmerkung des Autors: Liebe Bahn, so schlecht ist euer Schienenersatzverkehr doch nun auch wieder nicht, als daß er völlig verschwiegen werden müßte.) Aber auch die knappe Erklärung "Halt nur in Pfeilrichtung" für die Fahrgäste von und zum Hackeschen Markt ist wenig kundenfreundlich.

Wie weitreichend die Auswirkungen der Stadtbahnsanierung sind, zeigt sich am S-Bahn-Verkehr nach Potsdam. Da die Strecke zwischen Berlin-Wannsee und Potsdam Stadt überwiegend eingleisig ist und der 10-Minuten-Takt deshalb nur mit pünktlichen Zügen funktioniert, kommt der S-Bahn-Verkehr bei Bauarbeiten auf der Stadtbahn regelmäßig durcheinander. Seit Oktober sind die Störungen in Potsdam praktisch der Normalfall. Deshalb sollte die Bahn umgehend auf die bereits früher erprobte Lösung zurückgreifen und die Stadtbahnzüge in Wannsee enden lassen, während die Züge der Wannseebahn (S1) nach Potsdam verlängert werden.

Zwei Monate nach Beginn der Stadtbahnsanierung ist unübersehbar, daß die S-Bahn viele Fahrgäste verloren hat. Es wären noch mehr, wenn der Senat die U-Bahn über die Oberbaumbrücke genauso zügig fertiggestellt hätte, wie die Straße für den Autoverkehr. So aber müssen viele Fahrgäste noch bis Ende 1995 warten, bevor sie in Warschauer Brücke von der S-Bahn auf die Ul bzw. U15 umsteigen können, um damit die Stadtbahn zu meiden. Viele Leidgeprüfte nutzen aber schon heute die Möglichkeit, am Alexanderplatz von der Stadtbahn auf die U-Bahn zu fliehen. Die Züge der U2 von Alex Richtung Zoo wurden in den letzten Wochen kontinuierlich voller.

Doch dieser Fahrgastzuwachs scheint einigen bei der BVG gar nicht zu gefallen. So jedenfalls muß man denken, wenn man wieder mal eingequetscht in einem überfüllten 6-Wagen-Zug steht, obwohl die BVG mit vermehrtem Einsatz von GI-Zügen auf der U2 alle Umläufe bedarfsgerecht mit 8-Wagen-Zügen verkehren lassen könnte. Aber dieses Thema (Stichwort "Gisela") ist SIGNAL-Lesern ja bestens bekannt und braucht an dieser Stelle nicht noch einmal ausgefuhrt zu werden. Darüber hinaus wurde beim "kleinen Fahrplanwechsel" auf der U2 der Wechsel vom 3- zum 5-Minuten-Takt von bisher 9 Uhr auf nun 8 Uhr vorgezogen (gemäß der vom Senat verordneten Leitlinie "Weniger Angebot zu höheren Fahrpreisen").

Bleibt zum Schluß noch die Frage: Schafft es die Bahn, wie angekündigt bis Ende Januar 1996 die Bauarbeiten abzuschließen? Sicher nicht, denn einen Monat Verzug hat sie bereits offiziell eingestanden. Wetten, daß es noch mehr Verzögerungen geben wird? Wir würden diese Wette so gerne verlieren!

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IGEB

aus SIGNAL 9-10/1994 (Dezember 1994), Seite 4-7

 

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