Tarife

Nicht finanzierbar?

Die Berliner Umweltkarte wird 25 und ermöglicht „Ticketteilen“

Seit Anfang 2014 gibt es in Berlin die Initiative „Ticketteilen“. Angestoßen vom NaturFreunde Berlin e. V. möchte sie auf eine Möglichkeit hinweisen, von der viele hauptstädtische Zeitkartenbesitzer offenbar nichts wissen: Inhaber einer Umweltkarte von BVG oder S-Bahn dürfen nach 20 Uhr sowie sonnabends, sonn- und feiertags ganztägig einen Erwachsenen und bis zu drei Kinder kostenlos mitnehmen.

Natürlich kann es sich dabei auch um Wildfremde handeln, und ebendiese will „Ticketteilen“ zusammenbringen: Wer zu diesem Akt der Solidarität bereit ist, kann es durch das Tragen eines Ansteckers deutlich machen, auf dass er von möglichen Mitfahrern angesprochen werde.

Die Initiatoren möchten damit insbesondere die Mobilität der überdurchschnittlich vielen Menschen erhöhen, die in Berlin arbeitslos sind,

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in prekären Beschäftigungsverhältnissen stecken oder aus anderen Gründen in Armut leben. Sie möchten die Nutzung von Bussen und Bahnen erhöhen. Und sie möchten grundsätzliche Diskussionen anstoßen. Zum Beispiel über die Einführung eines Nulltarifs.

Man kann natürlich auch von „fahrscheinlosem ÖPNV“ sprechen, wie es etwa die Piratenpartei tut. Denn der Begriff „Nulltarif“ scheint ein Reizwort zu sein, der für eine „typisch spinnerte, typisch radikale“ Idee aus den westdeutschen 1970er Jahren steht. In Berichten über „Ticketteilen“ hielten es manche Journalisten denn auch gar nicht für nötig, zu diesem Vorschlag Stellungnahmen einzuholen bei Verkehrsbetrieben, Politikern oder den sonst so beliebten Experten. Die Reporter sprachen das Urteil gleich selbst: Das ist leider nicht finanzierbar!

Demnächst ist es übrigens genau 25 Jahre her, dass im damaligen West-Berlin die Umweltkarte eingeführt wurde: Das Abgeordnetenhaus, welches damals noch die BVG-Tarife festlegte, hatte sie mit der seit März 1989 regierenden rot-grünen Mehrheit beschlossen. Ab 1. Oktober 1989 hieß es: Einen Monat mit Bus, U- und S-Bahn durch West-Berlin für nur noch 65 DM – also umgerechnet 33,23 Euro! Als Jahreskarte zu zehn Raten à 60 DM oder für 580 DM bei Einmalzahlung. Vorher hatte eine solche übertragbare Gesamtnetzkarte 99 DM gekostet, in der persönlichen Variante 89. Die bis dahin existierenden Zeitkarten-Tarifgebiete wurden abgeschafft.

Eine recht radikale Vereinfachung und Preisreduzierung, um die Benutzung des ÖPNV attraktiver zu machen. Eine Berliner Idee war das allerdings nicht, im Gegenteil: Seit Jahren war hier um eine solche Umweltkarte, mit der man in anderen Städten bereits gute Erfahrungen gemacht hatte, gestritten worden. Das Hauptargument der Gegner, zu denen auch der 1989 abgewählte CDU/FDP-Senat gehörte: Das ist leider nicht finanzierbar!

Die Kampagne: www.ticketteilen.org

Jan Gympel

aus SIGNAL 2/2014 (April/Mai 2014), Seite 29

 

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