Schienenverkehrswochen 1996

Lohnender Tram-Sprechtag

Bevor für den BVG-Unternehmensbereichsleiter Straßenbahn, Herrn Dr. Predl, und seinen Betriebsleiter, Herrn Jacobs, am 10. Mai das Wochenende begann, mußten sie sich an diesem Freitagabend den kritischen Fragen ihrer Fahrgäste stellen. Sie taten es mit Ausdauer, und so gab es auch auf den diesjährigen Schienenverkehrs-Wochen ein sehr informatives Fahrgastforum zur Berliner Straßenbahn.

Der erste Teil des Abends wurde von Herrn Predl mit einem erstaunlich offenen Vortrag zum Thema Ampelvorrangschaltung bestritten. So erfreulich dies war, so skandalös war der Inhalt seiner Ausführungen. Die Berliner Verkehrspolitik beschert der Straßenbahn einen Wartezeitverlust an Lichtsignalanlagen (LSA) von durchschnittlich 20% der Fahrzeit! Die Vergleichszahlen für moderne Betriebe in anderen Bundesländern, zumeist im Westen Deutschlands, liegen bei 2 bis 5%. Verwunderung löste denn auch die Bemerkung des Straßenbahn-Chefs aus, man könne die Vorrangschaltung auf der Neubautrasse der Linie 23 zum Louise-Schroeder-Platz als Erfolg werten, da dort die durchschnittliche Verlustzeit an den LSA "nur" 14% betrage.

Dr. Predl
Fast schon ein Stammgast auf den Schienenverkehrs-Wochen: Herr Dr. Predl, BVG-Unternehmensbereichsleiter Straßenbahn. Foto: Marc Heller

Die BVG schöpfte bei der Präsentation aus einer in ihrem Auftrag angefertigten Studie zweier Beratungsunternehmen, die für den Laien erstaunliche Einsparpotentiale offenlegten. So könnte die BVG bei einer Reduzierung der Ampelverlustzeiten auf 6% bei gleichbleibenden Leistungen 44 Züge und entsprechende Personale eingesparen. Das ermöglichte eine Verringerung der Einmalinvestitionen für neue Züge um 143 Mio DM sowie eine jährliche Ersparnis von mehr als 8 Mio Mark! Außerdem würden sich natürlich die Reisezeiten erheblich verringern, im Durchschnitt um knapp 17%, auf einzelnen Linien sogar noch stärker, auf der 4 zum Beispiel um gut 10 Minuten bzw. um genau 27,4%!

Deshalb will die BVG so schnell wie möglich neue, am liebsten von den eigenen Verkehrsexperten geschriebene LSA-Programme realisieren und auch vorfinanzieren - angesichts des großen Einsparpotentials durchaus verständlich. Als erste sollen die Linien 4 und 6 und der zweite Neubauabschnitt im Wedding Vorrangschaltungen erhalten. Mit der für 1997 geplanten Fertigstellung dieses Neubauabschnittes soll es außerdem eine wichtige Angebotsverbesserung geben, indem die Linie 52 in den Westteil der Stadt verlängert wird.

Ein weiteres großes Thema waren wieder einmal die von mehreren Besuchern des Fahrgastforums angesprochenen Fahrgastinformationen. Bei einigen Problemen konnte baldige Abhilfe versprochen werden. So werden die modernisierten Fahrzeuge in Zukunft mit Linienverlaufsanzeigen im Wageninnenraum ausgestattet bzw. nachgerüstet. Bei Baumaßnahmen mit Schienenersatzverkehr sollen auch an den betreffenden Bushaltestellen alle Informationen für die Tramfahrgäste verfügbar sein, und die vor kurzem eingeführten Informationshefte über alle Baumaßnahmen eines Monats werden in verbesserter Form regelmäßig erscheinen.

Ein Streitpunkt blieben die Doppelhaltestellen, denen der Unternehmensbereich Straßenbahn weiterhin ablehnend gegenübersteht, selbst dort, wo die Fahrgäste durch Verbesserung der Anschlüsse unmittelbaren Nutzen hätten, z.B. am Bf Schöneweide. Ebenso unverständlich bleibt die ablehnende Grundposition zur Fahrradmitnahme in der Tram. Die jetzt geltende "Einzelfallregelung", die die Fahrradmitnahme vom Wohlwollen des einzelnen Straßenbahnfahrers abhängig macht, kann als Dauerregelung nicht befriedigen.

Insgesamt bot dieser Abend im Vergleich zu früheren Jahren ein nicht mehr ganz so düsteres Bild von der Straßenbahnzukunft in Berlin, zumal die BVG plant, im Jahr 2000 nach diversen Streckenausbauten mehr Tramzüge fahren zu lassen als heute. Bleibt zu hoffen, daß es Verkehrsstaatssekretär Ingo Schmitt in der jetzigen Wahlperiode nicht wieder gelingt, diese Streckenausbauten zu sabotieren.

IGEB

aus SIGNAL 5/1996 (Juli 1996), Seite 24

 

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