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Zoo oder Lichtenberg?
Die Entscheidung fällt in Bitterfeld!

Der DB-Winterfahrplan 1996/97
Die Premiere für die zweite ICE-Generation und bessere Verbindungen vor allem für Berlin, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen - diese und einige weitere Verbesserungen bietet der neue Winterfahrplan, der seit dem 29. September 1996 bis zum 31. Mai 1997 gilt. Der zweite Fahrplanwechsel innerhalb eines Jahres brachte den Kunden Vorteile, nachdem in diesem Sommer mehrere Ausbaumaßnahmen im Zuge der „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ vollendet und die ersten Züge der zweiten ICE-Generation ausgeliefert wurden. Das bedeutet bessere und schnellere Verbindungen für Reisende vor allem im Norden und Nordosten Deutschlands.

Wegen der steigenden Nachfrage im Berlin-Verkehr wurde auf der ICE-Linie zwischen Berlin Zoologischer Garten und Frankfurt am Main ein durchgehender Einstunden-Takt eingeführt. Die Fahrzeit beträgt 4 Stunden, 37 Minuten. Möglich wurde diese Kapazitätssteigerung durch die Erweiterung der ICE-Flotte. Die ersten sechs Exemplare der zweiten ICE-Generation werden zunächst als normale Langzüge eingesetzt. Nach der Auslieferung neuartiger Steuerwagen werden sie 1997 in Halbzüge geteilt werden, um einen nachfragegerechten Einsatz auch auf weniger frequentierten Strecken zu ermöglichen. Insgesamt hat die Deutsche Bahn AG 44 dieser Halbzüge bestellt, deren Zuglauf durch ein Zuglaufschild in moderner elektronischer Form von Außen gut erkennbar ist - eine wichtige Verbesserung. Die neuen ICE-Züge werden im Winterfahrplan in erster Linie zwischen Bremen und Frankfurt am Main verkehren. Sie halten nur in Hannover und verkürzen die Reise von der Weser an den Main um knapp zehn Minuten. Außerdem kommt der ICE 2 in einzelnen Verbindungen von München bzw. Dortmund nach Frankfurt am Main zum Einsatz. Auf der Strecke Frankfurt am Main - München ersetzt er die am Morgen verkehrenden Sprinter-Züge zwischen beiden Städten. Ebenfalls wird der ICE 2 das ICE-Zugpaar zwischen Dortmund und Frankfurt am Main ersetzen.

Von den größten Zeitgewinnen im neuen Winterfahrplan profitieren Bahnreisende auf der Strecke Hamburg - Berlin. Zwischen den beiden größten deutschen Metropolen kann jetzt ein 136 Kilometer langer Streckenabschnitt zweigleisig, elektrisch und mit Tempo 160 befahren werden. Dadurch verkürzt sich die Fahrzeit um rund eine Stunde auf 2 Stunden, 38 Minuten.

Außerdem gibt es statt zehn künftig zwölf tägliche InterCity-Verbindungen zwischen Berlin und Hamburg, während der Verkehrsspitzen erstmals im Stundentakt. Neue tägliche Spätverbindungen, die Hamburg Hbf um 20.43 Uhr und Berlin Zoo um 20.21 Uhr verlassen, bieten Bahnkunden mehr Alternativen bei der Reiseplanung.

ICE
Foto: Matthias Horth
innenraum
Mitte September präsentierte die Deutsche Bahn AG die neue Zuggeneration, den ICE 2. Die Neuanschaffung ermöglichte u.a. die Verdichtung des ICE-Angebotes zwischen Berlin und Frankfurt am Main auf einen Stundentakt. Foto: Matthias Horth

Die InterCitys zwischen Hamburg und Berlin fahren am Bahnhof Berlin Zoo nach München weiter. Dadurch entstehen erstmals umsteigefreie Verbindungen im Zwei-Stunden-Takt von Hamburg nach Dessau, Bitterfeld und Leipzig. Damit geht auch die langjährige Forderung, Dessau ins vertaktete Fernverkehrsnetz einzubinden, in Erfüllung.

Durch die Verlegung der IC-Linie München - Berlin von Berlin Hbf zum Bahnhof Zoologischer Garten erhalten Leipzig, Jena, Dessau und Bitterfeld zugleich erstmals eine umsteigefreie Verbindung ins westliche Zentrum der Hauptstadt. Durch die Verknüpfung dieser IC-Linie mit der IR-Linie aus Richtung Erfurt - Halle nach Berlin-Lichtenberg hat die jahrelange Diskussion um die Berliner Verkehrsgeographie ein Ende. Durch bahnsteiggleiches Umsteigen kann sich der Reisende in Bitterfeld entscheiden, ob er in Berlin am Zoo oder in Lichtenberg ankommen möchte.

Durch den neuen Laufweg des EuroCity "Thomas Mann" erhält Berlin wieder eine umsteigefreie Verbindung nach Kopenhagen. Der Zug fährt morgens um 6.21 Uhr ab Berlin Zoo über Hamburg und Puttgarden, in Gegenrichtung um 15.20 Uhr ab Kopenhagen.

Leipzig und Dresden erhalten erstmals im Zwei-Stunden-Takt umsteigefreie InterCity-Verbindungen nach Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen: Die IC-Linie Basel - Köln - Hannover - Magdeburg - Berlin teilt sich künftig in Magdeburg: Die Züge fahren von dort im stündlichen Wechsel nach Berlin bzw. nach Leipzig und Dresden. Fahrzeit von Leipzig nach Köln: 5 Stunden, 50 Minuten.

Neben Dessau ist nun damit auch Halle ins IC-Netz im Takt eingebunden. Da jedoch gleichzeitig die bisherige InterRegio-Linie 17 Aachen - Magdeburg - Dresden künftig ab Magdeburg nach Berlin fährt, verlieren Köthen, Oschatz und Riesa die Anbindung in dieser Relation - der IC wird dort nicht mehr halten. Oschatz verliert damit seinen Fernverkehrsanschluß mit Ausnahme vereinzelter Züge sogar ganz - 500 Berufspendler werden aufs Abstellgleis geschoben, denn nach Dresden gibt es nicht einmal mehr eine durchgehende Regionalbahn-Linie. Dazu DB-Sprecherin Birgit Roher: "Unsere Kundenwünsche kommen nicht nur aus der Region Oschatz". Zwischen Leipzig und Dresden wird man künftig zwar im Stundentakt mit IC-Zügen fahren können, das kostet aber Zuschlag. Als Alternative verbleiben nur Regionalzüge über Döbeln.

Große Verbesserungen bringt der Winterfahrplan für Mecklenburg-Vorpommern: Die InterRegio-Linie von Hamburg nach Rostock (- Stralsund - Rügen) verläuft künftig nicht mehr über Lübeck, sondern über Schwerin. Dadurch verkürzen sich die Reisezeiten von Hamburg Hbf nach Schwerin und Rostock um jeweils 20 Minuten. Außerdem erhält das Land eine zweite InterCity-Verbindung: Der IC "Konsul" verbindet Greifswald, Stralsund, Rostock und Schwerin mit Hamburg, Bremen, Dortmund und Köln.

Für bessere Verknüpfungen und Ergänzungen im Fernverkehr der Deutschen Bahn AG sorgen einige neue InterRegio-Streckenverläufe: Die Linie von Lübecküber Schwerin, Magdeburg und Leipzig nach Cottbus bietet künftig einen Zwei-Stunden-Takt. Die bisherige Linie Aachen - Hannover - Magdeburg - Leipzig erhält östlich von Magdeburg einen neuen Verlauf über Brandenburg, Berlin-Schönefeld zum InterRegio-Knoten Berlin-Lichtenberg. Der Deutsche Bahnkunden-Verband ist jedoch der Meinung, daß die Führung nach Berlin-Lichtenberg überflüssig ist, da die Fahrzeit mit IC- oder ICE-Zügen selbst zum Zielbahnhof Lichtenberg mit Umsteigen am Bahnhof Zoo auf die S-Bahn kürzer ist. Das gilt natürlich erst recht, wenn man andere S-Bahnhöfe in Berlin oder seinem Umland ansteuert. Die Linie Frankfurt - Erfurt - Bitterfeld - Berlin-Lichtenberg wird in Bitterfeld mit der IC-Linie München - Leipzig - Berlin verknüpft und schafft damit attraktive Umsteigeverbindungen beispielsweise von Halle nach Berlin Zoo oder von Leipzig zum Flughafen Berlin-Schönefeld.

Weitere Fahrplanverbesserungen in Stichworten

  • Kiel erhält dritte ICE-Verbindung: Abfahrt des ICE "Breisgau" nach Basel um 13.33 Uhr; Ankunft des ICE "Stolzenfels" aus Karlsruhe um 12.28 Uhr. Beide Züge starteten bzw. endeten bisher in Hamburg-Altona.
  • Neuer "Feierabend"-ICE entlastet Relation München - Frankfurt am Main: Abfahrt in München um 16.20 Uhr über Augsburg, Donauwörth, Würzburg nach Frankfurt am Main (Ankunft 20.03 Uhr).
  • ICE ersetzt frühen InterCity zwischen Stuttgart und München: Anstelle des bisherigen IC "Prinzregent" verkehrt künftig ein ICE, der erstmals auch in Plochingen hält. Abfahrt Stuttgart 6.00 Uhr, Ankunft München 8.13 Uhr.

Änderungen im Nahverkehr

Eine neue Ära des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) beginnt in Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Baden-Württemberg. Dort kommen ab September zum ersten Mal die neuen Dieseltriebzüge mit der Bezeichnung VT 611 mit Neigetechnik zum Einsatz. Die hochmoderne Technik ermöglicht es dem Zug, daß er sich auf kurvenreichen Trassen wie ein Motorradfahrer in Gleislagen innen neigen kann. Dadurch erzielt moderne Neigetechnik-Zug Reisegeschwindigkeiten, die denen auf geraden Strecken entsprechen.

Die neuen Züge sind klimatisiert und bieten 148 Sitzplätze. Sie verfügen über ein umweltfreundliches geschlossenes Toilettensystem und sind mit einem gut lesbaren Zugzielanzeiger ausgestattet. Angetrieben wird der moderne Triebwagen von zwei abgasarmen jeweils 540 kW (736 PS) starken 12-Zylinder-Dieselmotoren.

Mit Neigetechnik benötigt der VT 611 für die kurvenreiche Strecke Saarbrücken - Mainz im Vergleich zu den herkömmlichen Nahverkehrszügen 30 (!) Minuten weniger Fahrzeit. Die schnelle Regionallinie fährt 15 mal am Tag - von morgens 7.00 Uhr bis abends 22.52 Uhr und ermöglicht es, erstmalig von Saarbrücken aus den Frankfurter Flughafen ohne Umsteigen in Mainz zu erreichen. Die Züge verkehren im Zwei-Stunden-Takt.

Fernzug
Berlin Hauptbahnhof. Anstatt eine derzeit unsinnige neuerliche Umbenennungsdebatte loszutreten, sollte sich die Berliner CDU besser dafür einsetzen, daß hier nicht nur Regionalzüge verkehren, sondern auch möglichst viele der in Berlin-Lichtenberg endenden Fernzüge. Foto: Marc Heller

Die Strecke Heilbronn - Mannheim macht in Baden-Württemberg den Anfang. Der VT 611 benötigt für die rund 100 km lange Neckartalstrecke eine Fahrzeit von 68 Minuten. Dies bedeutet für die Kunden einen Zeitgewinn von 35 Minuten. Die Regionallinie verkehrt 18 Mal am Tag - von morgens 5.00 Uhr bis 24.00 Uhr abends. In Heidelberg und besonders in Mannheim bietet sie ausgezeichnete Fernverkehrsanschlüsse. In Mannheim erreichen Geschäfts- und Privatreisende alle ICE/EC/IC-Züge, die zur Minute 30 ankommen oder abfahren. Die Züge auf der Strecke Heilbronn - Mannheim verkehren im Zwei-Stunden-Takt.

Der neue Integralen Taktfahrplan (ITF) in Mecklenburg-Vorpommern vertaktet täglich rund 1.000 Nahverkehrszüge untereinander. Für die Kunden bedeutet die Einführung des ITF an ausgewählten Knotenbahnhöfen in Mecklenburg-Vorpommern kürzere Reise- und Umsteigzeiten sowie bessere Anschlüsse. Auf den Hauptverbindungen fahren die Züge stündlich, sonst im Zwei-Stunden-Takt.

Kernstück des neuen ITF sind die im Zwei-Stunden-Takt verkehrende RegionalExpress-Linie von Rostock über Lübeck nach Kiel zusammen mit der InterRegio-Linie 11 Stralsund - Hamburg über Schwerin und Rostock sowie die ungefähr stündlich fahrenden Züge Bützow - Pasewalk.

Vorschau auf 1997

Von Juni 1997 an werden zwischen Berlin und Köln ICE-Züge der zweiten Generation im ZweiStunden-Takt die traditionellen InterCitys Zug um Zug ablösen.

Die Fahrzeit zwischen Hamburg und Berlin wird sich nach Komplettierung der Elektrifizierung im Großraum Berlin um mindestens weitere 10 Minuten verkürzen.

Auf der Strecke Paris - Brüssel - Köln wird der Hochgeschwindigkeitsverkehr eingeführt. Die Reisezeit zwischen Paris und Köln wird sich mit den neuen Thalys-Zügen von 5 Stunden und 30 Minuten auf 4 Stunden und 5 Minuten verkürzen.

Verbesserungswünsche

Abschließend kann gesagt werden, daß der neue Winterfahrplan der Bahn zahlreiche Verbesserungen in Form von Fahrzeitverkürzungen und Angebotsverdichtungen für den Kunden bringt. Dennoch bleiben einige Wünsche offen:

  • Der Lückenschluß bei Mellrichstadt sollte durch höherwertigere Zugverbindungen aufgewertet werden, beispielsweise durch eine InterRegio- Linie Erfurt - Suhl - Schweinfurt - Würzburg - Heilbronn - Stuttgart. Heilbronn würde damit endlich eine adäquate Femverkehrsanbindnung erhalten.
  • Bei Ausdünnungen im IC-Verkehr an den Wochenenden sollten Umsteigebeziehungen besser berücksichtigt werden, damit lange Wartezeiten in Knotenbahnhöfen vermieden werden.
  • Das ICE-Sprinter-Zugpaar Köln - Berlin und zurück sollte durch ein in die jeweilige Gegenrichtung verkehrendes Zugpaar ergänzt werden, das insbesondere für die Berliner von Vorteil wäre.
  • Der seit langem geforderte InterRegio-Halt in Blankenfelde (bei Berlin) wurde wieder nicht realisiert.
  • Die vom Deutschen Bahnkunden-Verband bemängelten schlechten Umsteigebeziehungen der Strecke Leipzig - Dresden zu den kreuzenden Nord-Süd-Strecken wurden nicht verbessert.
  • Berlin Hauptbahnhof wird trotz seiner relativ zentralen Lage nur schlecht genutzt; hier könnten beispielsweise alle nach Osteuropa verkehrenden Schnellzüge beginnen (statt in Berlin-Lichtenberg). Besondere Bedeutung könnte der Bahnhof für den Schlaf- und Liegewagen verkehr erlangen.

Deutscher Bahnkunden-Verband
Hauptverband

aus SIGNAL 8/1996 (November 1996), Seite 5-8

 

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