Regionalverkehr

„Rad im Regio“ wird ausgeweitet
VBB zieht positive Bilanz des Pilotprojekts

Im Sommer 2016 startete auf Initiative der Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) das Pilotprojekt „Rad im Regio“. Gemeinsam mit den Ländern Berlin und Brandenburg, DB Regio und ODEG und DB Station & Service wurden umfangreiche Maßnahmen umgesetzt, die die Fahrradmitnahme auf den Pilotlinien der Regionalexpresslinien RE 2, RE 3, RE 4 und RE 5 vereinfachen sollten. Begleitet wurden diese von einer umfassenden Evaluation. Die Ergebnisse möchten wir Ihnen hier vorstellen und einen Ausblick über das weitere Vorgehen geben.

Regio mit Fahradaufkleber
Foto: VBB

Vor genau einem Jahr haben wir „Rad im Regio“ in dieser Zeitschrift (SIGNAL 2/2016) ausführlich vorgestellt. Zu den Maßnahmen gehörten im Kern das Versperren und der Ausbau von Klappsitzen, Bodenmarkierungen in den Mehrzweckbereichen sowie große Fahrrad-Piktogramme außen am Zug. Zusätzlich wurden Fahrzeugskizzen in die Fahrplanauskunft der VBB-App Bus&Bahn integriert und die Fahrradverleiher in Berlin und Brandenburg intensiver kommuniziert.

Begleitet wurde das Projekt von umfangreichen Evaluationen, die im Ergebnis den eingeschlagenen Weg bestätigen: Mit einem Methodenmix aus qualitativer und quantitativer Marktforschung konnte nachgewiesen werden, dass die Maßnahmen aus Fahrgast-, Verbands- und Unternehmenssicht erfolgreich waren. Die Ergebnisse von Fahrgastbefragungen in den Zügen – auf den Pilotlinien und auf den anderen Linien zum Vergleich und auch die Tiefeninterviews mit Verbandsvertretern sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort (dem Servicepersonal in den Zügen und auf den Pilotbahnhöfen) – bestätigen den Erfolg. Fokusgruppendiskussionen

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mit Fahrgästen, Verbandsvertretern und ein Usabilytest im laufenden Betrieb rundeten das Marktforschungspaket ab. Weiterhin wurde auf der Landing Page des Projektes (VBB.de/radimregio) ein Feedbackkanal mit zusätzlichen Umfragen geschaffen, mit dem Meinungen und zusätzliche Hinweise von Radfahrern, Fahrgästen und Bürgern ausgewertet und in der Evaluation berücksichtigt wurden.

Fahrgäste wünschen sich mehr Platz

Grafik
Grafik: VBB
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Grafik: VBB
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Grafik: VBB

In den Zügen des Regionalverkehrs findet jährlich die VBB-Kundenzufriedenheitsbefragung in zwei Wellen – April und November – statt. Der VBB nutzte im „Rad im Regio“-Projekt diese Befragungen und führte noch zusätzliche Interviews in den umgestalten Mehrzweckabteilen durch. Dabei wurden alle Fahrgäste gebeten, Verbesserungsmöglichkeiten bei der Fahrradmitnahme im Regionalverkehr zu benennen – unabhängig davon, ob sie selbst ein Rad mitnehmen oder nicht.

Fazit: Rund ein Drittel der befragten Fahrgäste wünschten sich vor allem mehr Platz in den Mehrzweckbereichen. Jeder vierte Fahrgast sprach sich für mehr Wagen am Zug aus – vor allem bei gutem Wetter. Eine Trennung der Abteile für Fahrräder von denen für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen und Gepäck konnte sich jeder fünfte Befragte vorstellen. Maßnahmen, die im Pilotprojekt umgesetzt und getestet wurden.

Ca. 300 Fahrgäste, die auf den Pilotlinien bereits einmal ein Fahrrad mitgenommen haben, wurden zu ihrer Zufriedenheit mit den einzelnen Maßnahmen befragt. In der zweiten Befragungswelle erhöhte sich der Anteil der Fahrgäste, die eine Bewertung mit 1 (sehr zufrieden) bzw. einer 2 (auf einer sechsstufigen Skala) abgaben. Erfreulich ist, dass

  • das Verständnis der Fahrgäste füreinander im Zug zunahm,
  • mehr Fahrgäste mit dem Platz für Fahrräder im Zug zufriedener waren und
  • mehr Fahrgäste mit den Abstellmöglichkeiten im Mehrzweckabteil zufrieden waren.

Bessere Orientierung auf dem Bahnsteig

Fahrradtreffpunktschild
Fahrradtreffpunkt am Bahnhof Gesundbrunnen. Foto: VBB

Auf den Bahnhöfen der Pilotlinien wurden – analog zum Fernverkehr – Wagenstandsanzeiger in den Vitrinen aufgehängt. So ist bereits vor Ankunft des Zuges erkennbar, in welchen Bereichen sich die besonderen Fahrradabteile, die barrierefreie Toilette sowie die 1. Klasse befinden. Auf Bahnsteigen mit Bahnsteigabschnittsmarkierungen wurde ebenfalls der Haltestandort des Zuges eingetragen, auf Bahnsteigen ohne diese wurde die Orientierung mittels eines roten Standortpunktes im Wagenstandsanzeiger sichergestellt.

Diese Informationen wurden in der Studiodiskussion wie auch im Praxistest als sehr hilfreich eingeschätzt. Bei der Befragung in den Zügen spiegelte sich dies jedoch nicht wider. So wünschten sich die Fahrgäste zwar bessere Fahrgastinformationen, aber es wurde auch festgestellt, dass viele die bereits bestehenden Möglichkeiten nicht nutzten. Hier muss seitens aller Projektpartner die Kommunikation noch verbessert werden.

Das Schild Fahrradtreffpunkt, das den Haltepunkt der besonderen Fahrradbereiche kennzeichnet (auf den Bahnhöfen Gesundbrunnen und Lübbenau) wurde beim Praxistest und von den Kundenbetreuern gelobt. Tatsächlich sei laut Aussagen der Kundenbetreuer eine Lenkung der Fahrradfahrgäste eingetreten. Nach Hinweisen im Praxistest wird nun geprüft, ob die Schilder im Bahnhof Gesundbrunnen besser in die Sichtachse gerückt werden können.

Insgesamt hat sich gezeigt, dass ein spezieller Fahrradtreffpunkt nur an jenen Bahnhöfen sinnvoll ist, an denen viele Radfahrer einsteigen. Denn Fahrradgruppen haben so die Möglichkeit, sich bereits vor Einfahrt des Zuges günstig aufzustellen. So wird unnötiger Stress beim Einstieg vermieden und der Zug kann pünktlich abfahren.

Klappsitze raus – Markierungen rein

Bodenmarkierungen
Fahrradwagen mit Bodenmarkierungen. Foto: VBB
Die wirksamste und zugleich sensibelste Maßnahme war das Versperren von Klappsitzen (RE 3, RE 5) bzw. deren Ausbau (RE 2, RE 4). Es gab vorab Befürchtungen, dass der Verlust einiger Sitzplätze zugunsten von Radstellplätzen von vielen Fahrgästen nicht akzeptiert würde.

Doch die Befragungen ergaben ein ausgeglichenes Echo: Knapp 50 Prozent der Fahrgäste wünscht sich die Beibehaltung als nutzbare Klappsitze. Die andere Hälfte befürwortet das Verschließen oder Ausbauen der Klappsitze.

Die Bodenmarkierungen im Mehrzweckbereich wurden äußerst positiv aufgenommen. Die Fahrgäste empfanden es als sehr hilfreich, dass deutlich sichtbar ist, wo Bereiche für Fahrräder vorgesehen sind und wo sie nicht abgestellt werden sollen. Mit der klaren Kennzeichnung wuchs das Verständnis zwischen Fahrgästen mit Fahrrad und solchen ohne. Auch die Kundenbetreuer von DB Regio und ODEG zeigten sich sehr zufrieden.

Zu der großen Außenbeklebung an den Zügen gibt es differenzierte Einzelmeinungen:

Einigen Befragten sind sie zu groß, anderen nun endlich auffällig genug, um vom Bahnsteig aus gut wahrgenommen zu werden. Neben der Größe gab es auch Anmerkungen zum Kontrast zur übrigen Farbgebung der Züge: Die weißen Piktogramme auf den DB-Zügen seien bei einer schmutzigen Außenhaut schlecht erkennbar. Bei der ODEG wurde ein noch stärkerer Kontrast zu den ODEG-Farben gewünscht. Hier wurde jedoch bereits aus mehreren Varianten die mit dem höchstmöglichen Kontrast ausgewählt.

Begleitende Kommunikationsmaßnahmen (Flyer, App, Webseite)

Screenshot vbb app
Zugskizze in der VBB-App „Bus & Bahn“ Screenshot: VBB

Für das Pilotprojekt wurde ein spezieller „Rad im Regio“-Flyer ausgegeben, den die Fahrgäste ebenfalls bewerten konnten. In der Studio-Diskussion wurde er zwar als informativ, aber als zu textlastig empfunden.

Die VBB-Livekarte auf der VBB-Homepage (vbb.de/livekarte) stellt wichtige Informationen zu Fahrradverleihern in Brandenburg und zu Bike-Sharing-Standorten in Berlin sowie Potsdam zur Verfügung. In den Interviews wurde dies positiv bewertet, allerdings wünschten sich die Befragten diese Informationen auch in der VBB-App Bus&Bahn. Die Zugskizzen in der VBB-App wurden ebenfalls als informativ angesehen. Für kurze Züge wurde der Informationswert aber als niedriger eingeschätzt.

Tarifmaßnahmen Tandemmitnahme/Fahrradanhänger

Auf den vier Pilotlinien ist es seit Mai 2016 erlaubt, Tandems und Fahrradanhänger mitzunehmen. Die Befürchtungen, es könnte zu Problemen bei Ein- und Ausstieg kommen und Haltezeitüberschreitungen sowie zusätzliche Kapazitätsengpässe verursacht werden, bewahrheiteten sich nicht. Aus diesem Grund wird diese Beförderungsbedingung auch 2017 auf den Pilotlinien beibehalten und auf weitere Linien erweitert, um noch mehr Erfahrungen sammeln zu können.

Rad im Regio geht weiter

Das Pilotprojekt „Rad im Regio“ ist auf ein erfreulich positives Echo gestoßen. Die umfassende Auswertung der Pilotphase zeigt, dass Fahrgäste und Kundenbetreuer auf den Pilotlinien deutlich zufriedener geworden sind. Die Maßnahmen, die die Fahrradmitnahme in Regionalzügen verbessern sollten, werden deshalb weitergeführt und weiterentwickelt. Die Klappsitze bei den Linien RE 2 und RE 4 bleiben ausgebaut, auf den Linien RE 3 und RE 5 bleiben sie versperrt.

In Absprache mit den Verkehrsunternehmen im VBB wird „Rad im Regio“ innerhalb der nächsten zwei Jahre auf ausgewählten Linien und Bahnhöfen ausgeweitet. Als neuer Projektpartner wurde die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) gewonnen, die demnächst einzelne Maßnahmen in ihren Zügen umsetzen will. Auch eine Ausweitung des Fahrradtreffpunktes auf die Bahnhöfe Fürstenberg und Eberswalde ist geplant bzw. bereits erfolgt.

Die Wagenstandsanzeiger in den Vitrinen auf den Bahnsteigen werden dagegen nicht auf weitere Linien ausgerollt, da deren tatsächlicher Nutzen im Vergleich zum Aufwand in der Evaluation nicht sicher festgestellt werden konnte. Auf den Pilotlinien bleiben sie bestehen und werden aktualisiert.

Die Darstellung von Fahrradverleihern in der Livekarte der VBB-App Bus&Bahn wird voraussichtlich Ende 2017 erfolgen. Ebenfalls in Planung ist die zugscharfe Darstellung der Zugskizzen. Damit wird die Orientierung auf Linien mit unterschiedlichen Zuglängen und Bauarten erleichtert (z. B. RE 7). In einer dritten Ausbaustufe sollen mittelfristig diese Zugskizzen den tatsächlich gefahren Zug (IST-Daten) anzeigen.

Mit großem Engagement aller Beteiligten startet „Rad im Regio“ nun in die nächste Phase des Ausbaus und der Weiterentwicklung. An dieser Stelle danken wir noch einmal den Projektpartnern von DB Regio Nordost, DB Station & Service, ODEG, NEB, ADFC, IGEB und VCD für die gute Zusammenarbeit mit dem VBB und den Ländern Berlin und Brandenburg.

VBB Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg

aus SIGNAL 2/2017 (Mai 2017), Seite 9-11

 

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