Schienenverkehrs-Wochen 2001

Der Straßenbahnsprechtag

Der Sprechtag für Fahrgäste der Berliner Straßenbahn im Rahmen der Schienenverkehrs-Wochen fand auch in diesem Jahr wieder auf dem Betriebshof Lichtenberg bei der BVG statt. In einer kurzen Einführung riß der Direktor des Unternehmensbereiches Straßenbahn, Herr Dr. Predl, Probleme und Erfolge des vergangenen Jahres an.

Im wesentlichen sieht sich die BVG-Straßenbahn gut aufgestellt. Die teilweise dramatischen Einbrüche der Fahrgastzahlen Mitte der neunziger Jahre scheinen überwunden zu sein, das umfangreiche Erneuerungsprogramm der Fahrzeuge und Anlagen nähert sich jetzt auch beim Fahrweg dem Abschluß. Danach müssen sich die Fahrgäste nicht mehr auf Totalumbauten, sondern nur noch auf die Erhaltungsmaßnahmen im Netz einstellen.

Leider sind auch weiterhin keine relevanten Neubaustrecken (Potsdamer Straße, Zoo,...) zu erwarten - alle Maßnahmen, die auf eine Überwindung der Teilungsfolgen bei der Straßenbahn hinzielen, werden von der unwilligen Verwaltung nach Kräften verschleppt und blockiert. Während in Neukölln ohne viel Federlesens ein ganzer Stadtteil mittels Flächenabriß zugunsten des Autobahnbaus plattgemacht wurde, werden im Falle geplanter Straßenbahnstrecken Gullydeckel und Bordsteinkanten in den Rang unantastbarer Heiligtümer erhoben und bis zum Überdruß zwischen den einzelnen Referaten hin- und hergeschoben.

Der Straßenbahn-Bereich beobachtet diese Entwicklung (die auch unter dem rotgrünen Senat unverändert fortgesetzt wurde) mit Sorge, da man dort erkannt hat, daß nur ein sinnvolles Strecken Wachstum das langfristige Überleben der Straßenbahn in Berlin sichern kann. Gleichwohl sieht man sich bei der BVG außerstande, den Eigentümer Land Berlin öffentlich an seine Pflichten und Zusagen zu erinnern.

Kreuzung
Straßenbahn im Weißenseer Weg. Foto: Marc Heller

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Lärmproblematik, die - ausgelöst durch die fehlkonstruierten Niederflurstraßenbahnen des Typs GT6N - einen breiten Raum in der öffentlichen Diskussion erlangt hat. Hier scheint jetzt Abhilfe in Sicht. Die derzeit gelieferte vierte Serie GT6N (Zweirichtungsfahrzeuge) weist neben geringfügigen Verbesserungen für die Fahrgäste auch neu konstruierte Getriebe auf, bei denen eine geänderte Flankengeometrie der Zahnräder eine Reduzierung der Schallabstrahlung um 6 dB(A) erbringt. Das markerschütternde Heulen beim Anfahren und Bremsen wird dadurch gemildert. Neben dem Einbau einer Klimaanlage im Fahrgastraum ist dies „das Beste, was man mit diesem Fahrzeugtyp noch machen kann" (Dr. Predl). Eine entsprechende Getriebeausrüstung soll nach und nach die gesamte GT6N-Flotte (insgesamt 150 Fahrzeuge) erhalten. Das Problem der inakzeptabel engen Fußräume und der schlechten Türverteilung bleibt hingegen ungelöst und ist weiterhin ein Grund, einer irgendwann anstehenden Ablösung dieser Fahrzeuge hoffnungsvoll entgegenzusehen.

Breiten Raum nahm wieder der Punkt RBL ein, von dessen Einführung sich die Straßenbahn einiges verspricht. Wie aber insbesondere die Erfahrungen mit dem nun schon mehrjährigen „Betatest" des RBL-Systems im Busbereich zeigen, ist bei derartigen Absichtserklärungen allergrößte Skepsis angezeigt, insbesondere die Verbesserungen für den Fahrgast dürften sich in sehr überschaubarem Rahmen bewegen. Im allgemeinen werden Verbesserungen auf der einen Seite (zum Beispiel Fahrgastinformation) von Verschlechterungen auf der anderen (zum Beispiel bei der Anschlußsicherung) mehr als aufgewogen.

In puncto Beschleunigung der Straßenbahn an Lichtsignalanlagen ist man - zumindest auf dem Papier - einen großen Schritt vorangekommen. Nachdem 1999 die Linie 6 das bekommen hat, was man sich in Berlin unter „Bevorrechtigung" vorstellt (in anderen Straßenbahn-Städten Europas lacht man über derartige Großtaten), soll bis Frühjahr 2002 das komplette Maßnahmenpaket abgearbeitet sein, das - entgegen einer früheren Festlegung der Senatsverkehrsverwaltung - auch die City Ost umfassen soll. Insbesondere die bislang sträflich vernachlässigten Netzbereiche Karlshorst, Schöneweide/Johannisthal und Köpenick könnten dann wenigstens ansatzweise beschleunigt werden. Aber selbst auf den bereits bearbeiteten Netzteilen sind regelmäßig Störungen und Fehler zu verzeichnen (technischer und programmtechnischer Art), die zum Beispiel dazu führen, daß erst sämtlichen an einer Kreuzung versammelten Linksabbiegern freie Fahrt gegeben wird, bevor dann auch mal ein Straßenbahnzug mit hundert Fahrgästen fahren darf.

In den Fragen der zahlreich erschienenen Fahrgäste ging es erwartungsgemäß um die Ärgernisse des täglichen Betriebes. So wurde wiederholt kritisiert, daß durch die Aufhebung von Doppelhaltestellen (zum Beispiel am S- und Regionalbahnhof Schöneweide) Umsteigemöglichkeiten zwischen verschiedenen Linienrelationen zerstört wurden.

Das Thema „behindertenfreundliche Straßenbahn" ist in den Bereichen des Netzes, in denen ausschließlich Tatrazüge verkehren, ein ganz dunkler Fleck auf der weißen Weste der BVG. Hier rächt sich, daß die Beschaffung von Niederflurbeiwagen solange verschleppt wurde, bis aufgrund des Fahrgastrückganges und der nichterfolgten Streckenerweiterungen ein deutlicher Fahrzeugüberschuß eingetreten ist, der jetzt die Beschaffung derartiger Beiwagen „natürlich wirtschaftlich unmöglich" macht. Somit muß für die BVG gelten, die vorhandenen Niederflur-Züge besser im Netz zu verteilen als das bisher der Fall ist, um auf allen Relationen wenigstens zeitweise ein niederfluriges Angebot zu schaffen.

Fahrzeugüberschuß auf der einen Seite, Überfüllungen bei einigen Linien (8, 62, 68, z.B. nach Schulschluß) auf der anderen: da müßte doch durch Einsatz längerer Züge wie T6+T6+B6 Abhilfe möglich sein? Die BVG versprach zumindest, das Problem noch einmal zu überdenken.

Es bleibt das Fazit: der Sprechtag Straßenbahn war wie auch schon in der Vergangenheit wieder eine interessante und empfehlenswerte Veranstaltung.

IGEB, Abteilung Stadtverkehr

aus SIGNAL 8/2001 (Dezember 2001), Seite 14

 

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