Regionalverkehr

Bürger Bahnhof Neuruppin Rheinsberger Tor
Ein Beispiel zur Wiederbelebung märkischer Bahnhöfe

Das Empfangsgebäude des Haltepunktes Neuruppin Rheinsberger Tor soll mit Leben erfüllt werden. Als Bindeglied zwischen Bahn und Bürger wird eine bahnnahe und kundenorientierte Nutzung angestrebt. Vielfältige Dienstleistungen für die Reisenden sind durch gewerbliche, kommunikative und serviceorientierte Bereiche zu ergänzen. Seit April 1996 arbeitet der Deutsche Bahnkunden-Verband Brandenburg e.V. gemeinsam mit der Stadtverwaltung an einem Nutzungskonzept für dieses in den neuen Bundesländern einmalige Vorhaben. Der „BürgerBahnhof Neuruppin“ (Arbeitstitel) ist erstes Modell für weitere mögliche Projekte in den Städten des Landes Brandenburg.

Lage und Anbindung

Mit 33.000 Einwohnern ist Neuruppin eine typische märkische Mittelstadt, etwa 60 Kilometer nordwestlich der Berliner Stadtmitte gelegen. Neuruppin soll aufgrund seiner Lage inmitten des dünnbesiedelten Ruppiner Landes laut Landesentwicklungsmodell der "Dezentralen Konzentration" zum Mittelzentrum mit Teilfunktionen eines Oberzentrums herausgebildet werden. Damit wird die Stadt zum Dienstleistungs- und Wirtschaftszentrum der ganzen Region.

Bahnhof
Ausuewählt für das Modullprojekt Bürger- Bahnhof: Der Bahnhof Rheinsberger Tor in Neuruppin. Foto: Marc Heller

Neuruppin ist heute denkbar schlecht an den Eisenbahnverkehr angebunden. Die Stadt ist Kreuzungspunkt der Nebenbahnen Neustadt (Dosse) - Löwenberg und Velten - Wittstock. Vor allem durch eine direkte und schnelle Bahnverbindung von Berlin über Neuruppin nach Wittstock bei gleichzeitiger integraler Verknüpfung mit der Bahnlinie Neustadt (Dosse)-Neuruppin - Löwenberg (Mark) sowie dem Stadt- und Regionalbusverkehr kann die Bahn eine Alternative zum Auto werden. Nach dem Regionalbahn-Zielnetz der DB AG und des Landes Brandenburg scheint dies mittelfristig möglich. Mindestens stündlich soll dann der RegionalExpress von der Berliner Mitte nach Neuruppin und weiter Richtung Wittstock fahren, ergänzt durch die Regional Bahn zwischen Neustadt (Dosse) und Löwenberg (Mark). Als Vorstufe (und als SEV während des Bahnausbaus) nahm am 17.12.1995 der RE-Bus zwischen Neuruppin Hauptbahnhof und Berlin Zoo seinen Betrieb auf.

Alle Züge beider vorgesehener Bahnlinien erhalten einen Halt am Haltepunkt Neuruppin Rheinsberger Tor, dem eigentlichen "Stadt-Bahnhof". Direkt am Ende der Karl-Marx-Straße, der "City-Straße" Neuruppins, gelegen und fußläufig vom gesamten Zentrums- und Uferbereich erreichbar, besitzt der Bahnhof im Gegensatz zum etwa 600 Meter nordwestlich der Innenstadt gelegenen Neuruppiner Hauptbahnhof zentrale verkehrliche Bedeutung. Der Halt der Stadtbuslinie sowie zahlreicher Regionalbuslinien vor dem Bahnhof ist möglich und wird auch praktiziert. Die Fahrkartenausgabe samt Warteraum ist allerdings seit einigen Jahren geschlossen.

Das Gebäude befindet sich - abgesehen von Putzschäden und Graffitis im Zugangsbereich - baulich in äußerlich gutem Zustand und ist in oberen Etage bewohnt. Städtebaulich stellt das Bahnhofgebäude mit seinem charakteristischen Eckturm das östliche Tor zur Innenstadt dar und steht unter Denkmalschutz.

Betritt man von der Vorplatzseite den Warteraum, befindet sich rechts die ehemalige Fahrkartenausgabe mit Ausgabefenster zum Warteraum sowie weiterem Fenster in Richtung Vorplatzarkaden. Von der Fahrkartenausgabe ist ein weiterer Raum zu erreichen. An der Front zur Hauptstraße liegen ein Ladenraum mit großem Verkaufsfenster und die Eingangstür zum Erdgeschoß.

Aufgaben und Angebote des Bürger Bahnhofs Neuruppin

Zug
Auf dem Bahnhof Neuruppin Rheinsberger Tor. Foto: Marc Heller

Im Bürger Bahnhof soll über das gesamte Verkehrsangebot der DB AG und der regionalen Verkehrsunternehmen informiert und beraten werden (Mobilitätsberatung). Beides kann schnell und präzise über EDV (z.B. Kurs '96, START Amadeus oder VBBInfo) geschehen.

Um die aufgeführten Leistungen kompetent ausführen und vermitteln zu können, ist im Bürger Bahnhof eine ausführliche und aktuelle Kundenberatung zu installieren. Dazu gehört die Mitarbeiterschulung, die Auslegung von Info-Heften oder Plakaten der Verkehrsbetriebe und ein Kundentelefon.

Um das Projekt zu finanzieren und damit die umfassenden Beratungsleistungen zu ermöglichen. soll per Agenturvertrag mit der Deutschen Bahn AG und dem zukünftigen Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) bzw. den örtlichen Busverkehrsbetrieben das gesamte Angebot der Bahn und der Verkehrsuntemehmen vertrieben werden. Dazu gehören vor allem Nah- und Fernfahrkarten. Sonderfahrkarten, Bahn-Cards und Zeitkarten der DB AG wie auch Einzel-, Sammel- und Zeitfährscheine sowie Umweltkarten des künftigen Verbundes. Gleichzeitig findet ein Verkauf sämtlicher Kursbücher und Fahrplanhefte der Verkehrsbetriebe statt.

Bestandteil des Verkaufsangebotes an der ehemaligen Fahrkartenausgabe sollten auch ausgewählte Literatur, Zeitungen und Zeitschriften sowie ein kleines Imbiß- und Getränkeangebot sein. Bei Notwendigkeit der Trennung des Verkaufs bahnnaher und weiterer Angebote kann dafür auch der Laden an der Straßenseite genutzt werden.

RE-Bus
Foto: Marc Helle
Zoologischer Garten mit RE-Bus
Zwischen Neuruppin (linkes Bild) und Berlin Zoologischer Garten fährt stündlich ein Regional Express, bisher allerdings nur mit Bussen. Foto: Marc Helle

Weiterhin kommt die Bewirtschaftung oder Teilbewirtschaftung des Parkplatzes auf dem Bahnhofsvorplatz infrage. Teile der Pkw-Standplätze sollten als P+R-Plätze für Bahnkunden gegen Nutzungsentgelt ausgewiesen werden. Auch die Vorhaltung von vier bis sechs Fahrzeugen im Rahmen eines stadtweiten Car-Sharing-Projektes inklusive der Vermietung der Fahrzeuge bietet sich an.

Die Räumlichkeiten des Bürger Bahnhofs (vor allem der Warteraum) bieten die Gelegenheit, im Rahmen einer projektbezogenen Bürgerinformation die aktuellen Verkehrsplanungen und Sachstände von Maßnahmen der Stadt, anderer Planungsträger und der Deutschen Bahn AG anhand von Schautafeln und Prospektständern vorzustellen.

Integration der Besucherinformation der Stadt Neuruppin

Aufgrund der überregionalen touristischen Bedeutung Neuruppins und zahlreicher Sehenswürdigkeiten sollen im Bürger Bahnhof touristische Angebote und Unterkünfte vermittelt sowie Stadtpläne und Reiseliteratur verkauft werden. Jegliche Art von fremdenverkehrlichen Auskünften (Freizeitangebot, Übernachtung, Gaststätten usw.) sollten durch die Mitarbeiter qualifiziert abgegeben werden können. Großer Wert soll seitens des Trägers auf den Service und den Tourismus rund um das Fahrrad und den Radverkehr gelegt werden. Dazu kann neben der Ausleihe, dem sicheren Unterstellen und der Reparatur von Rädern auch die Vermittlung von geführten Radwanderungen angeboten werden.

Vorgenannte Leistungen sind ganz oder teilweise bisherige Angebote der Besucherinformation der Stadt Neuruppin am Standort Heimatmuseum. Nach Ansicht des Amtes für Wirtschaftsförderung und Fremdenverkehr der Stadtverwaltung können diese Leistungen aufgrund der räumlichen Lage, der verkehrlichen Anbindung und des Gebäudezustandes am Standort Rheinsberger Tor deutlich besser vermittelt werden.

Das Amt schlägt deshalb die Integration dieser städtischen Aufgaben in das Leistungsspektrum des BürgerBahnhofs vor und bemüht sich aktiv um dessen Umsetzung.

Zusammenfassung der Aufgaben und Angebote des BürgerBahnhofs Neuruppin

Mobilitätsberatung, Kundeninformation und Angebotsvermittlung

Verkauf und Vertrieb des gesamten Angebots der Bahn und der Verkehrsunternehmen, Taxivermittlung

Besucherinformation für Touristen und Gäste der Stadt Neuruppin, u.a. Verkauf und Vermittlung touristischer Angebote

Bereitstellung eines kleinen Imbiß- und Getränkeangebotes

Bewirtschaftung/Teilbewirtschaftung des Bahnhofsparkplatzes

Bewirtschaftung der Toiletten auf dem Bahnhofsvorplatz

Fahrradstation (z.B. unterstützt durch ADFC)

Projektbezogene Bürgerinformation

Organisation und Personal

Das BürgerBahnhof sollte durch einen für diesen Zweck zu gründenden Trägerverein bewirtschaftet werden. Dem Trägerverein sollen die Stadt Neuruppin und der Deutsche Bahnkunden-Verband Brandenburg e. V. angehören. Eine Mustersatzung liegt mittlerweile vor.

Durch die Möglichkeit, im BürgerBahnhof eine regionale Geschäftsstelle des Bahnkunden-Verbandes Brandenburg e.V. und von dessen Regionalverband Prignitz-Ruppin anzusiedeln, ist eine regelmäßige Bewirtschaftung sowie eine materielle Grundausstattung zu erwarten. Grundsätzlich bestünde auch die Möglichkeit, daß das Bahnhofsgebäude in kommunale Trägerschaft übergeht, die Stadt sozusagen für ihr Eingangstor im Interesse der Bahnkunden selbst zuständig ist. Dies ist allerdings nicht notwendig, wenn die DB AG als Eigentümerin die Umsetzung des gemeinsamen Projektes engagiert unterstützt und u.a. die Immobilie nutzungsgerecht vorhält sowie preislich angemessen bewirtschaftet.

Der Weg zum Neuruppiner Bürger Bahnhof

April 1996 erstes Nutzungskonzept durch DBV Brandenburg und Stadtverwaltung

Mai 1996 Fragebogenaktion zu Nutzungen und Kosten

Juni 1996 Ergänzungen/Änderungen des Nutzungskonzeptes, Einnahmen-/Ausgabenabschätzung

Bis November 1996 Aufstellung der Satzung und Gründung des Trägervereins, Geschäftsbesorgungsvertrag zwischen Trägerverein und Stadtverwaltung Neuruppin, Mietvertrag mit DB Gb Personenbahnhöfe, Agenturvertrag und Leistungsvertrag mit DB Gb Fern-/Regionalverkehr, Einwerbung von Fördennittein durch den Trägerverein

Bis März 1997 Instandsetzung der Innenräume und der Fassade des Gebäudes, Umfeldgestaltung

1. April 1997 Eröffnung des BürgerBahnhofs (Saisonstart, Vorlaufphase)

1. Juni 1997 Eahrplanwechsel der DB AG mit optimierter Anbindung für Rheinsberger Tor, Bahnhofsfest (Ende der Vorlaufphase)

Deutscher Bahnkunden-Verband
Landesverband Brandenburg

aus SIGNAL 6/1996 (September 1996), Seite 12-14

 

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